Kultur : Freiheit ist unsterblich

Neu übersetzt: Wassili Grossmans große Erzählung „Alles fließt“

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Über den Terror der Stalin-Zeit ist die Forschungsliteratur zumal westlicher Autoren erheblich angewachsen. Was weiterhin nur in überschaubarer Zahl vorliegt, ist dessen literarische Verarbeitung. Wassili Grossmans Erzählung „Alles fließt“, 1961 geschrieben, aber erst kurz vor dem Ende der Sowjetunion veröffentlicht und jetzt in neuer deutscher Übersetzung erschienen, ist wohlgemerkt kein Augenzeugenbericht. Der 1905 geborene Grossmann war nie im Gulag inhaftiert. Im Gegenteil: Er gehörte während des Zweiten Weltkriegs zu den gefeierten Kriegsberichterstattern. Erst danach traf ihn die Stalin’sche Paranoia. Als Jude geriet er in die zunehmende Verfolgung von „Kosmopoliten“ ab 1947, der wegen ihrer Auslandskontakte beargwöhnten jüdischen Minorität. Grossmans literarisches Werk der Nachkriegszeit blieb weitgehend unveröffentlicht.

Allerdings hat ihn die Verfolgung in Distanz zum Regime gebracht – und zum Mittler der Augenzeugen. „Alles fließt“ ist eine Sammlung von Häftlingsschicksalen, erzählt am Beispiel des Iwan Grigorjewitsch, der nach Stalins Tod aus zuletzt 19-jähriger Lagerhaft im Kolyma-Gebiet entlassen wird und nach Moskau zurückkehren darf. In Moskau lebt sein Vetter Nikolai Andrejewitsch, der die andere Möglichkeit des Überlebens verkörpert, die des ängstlichen Anpasslers und gemäßigten Karrieristen. Beide beschäftigt die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Grossman variiert die Antwort im Fortgang der Erzählung. Sie ist immer dieselbe: Freiheit als Kern des Menschseins. Über Iwan Grigorjewitschs Schicksal heißt es: „Dennoch, in den Qualen, im Morast und Schmerz des Lagerlebens war es die Freiheit, die den Herzen Licht und Kraft spendete. Die Freiheit war unsterblich.“ Das ist der Gegensatz des Sowjetsystems; dort galt: „Das Gesetz ist lebenswidrig, und das Leben ist gesetzwidrig.“ Dafür gab es den berüchtigten Paragrafen 58 des Strafgesetzbuches, unter dem sich jede, aber auch jede Handlung nach Belieben als Verbrechen auslegen und mit Lagerhaft von fünf oder zehn Jahren oder mit Erschießung belegen ließ.

So webt Grossman die schlimmsten Verbrechen, vor allem aber den Alltag des Terrors und des Lagerlebens in seine Erzählung ein. Am bedrückendsten ist die Schilderung der erzwungenen Hungersnot in der Ukraine 1932: „Der Schnee war getaut, und die Menschen wurden aufgedunsen, bekamen Hungerödeme – die Gesichter waren aufgequollen, Beine wie Kopfkissen, Wasser im Bauch …“ Grossman verschweigt nicht einmal den ausbrechenden Kannibalismus. Bedrückend auch die Schilderung der Beziehungen im Lager: „Zwischen dem Lager für kriminelle Frauen und dem für kriminelle Männer befand sich ein Streifen Brachland, die Maschinengewehre feuerten, sobald ein Mensch im Niemandsland auftauchte. Die Kriminellen krochen auf dem Bauch durch die Feuerzone und gruben Gänge, krochen unter dem Stacheldraht hindurch oder kletterten am Stacheldraht hoch, wer Pech hatte, blieb mit durchschossenem Kopf und zerschmetterten Beinen liegen.“

Das alles hätte, wäre das Buch 1961 erschienen, zu einer schweren Erschütterung des Sowjetregimes führen können. Chefideologe Suslow sagte Grossman gegenüber zu einem anderen, beschlagnahmten Buchmanuskript, das Buch werde „erst in 200 Jahren erscheinen können“. Grossman verschmilzt seine eigenen Erlebnisse im Zusammenhang mit der „Verschwörung der jüdischen Kremlärzte“ – denen allein der plötzliche Tod des Diktators am 5. März 1953 das Leben rettete – mit dem Leben seiner Protagonisten. So sagt Nikolai Andrejewitsch, der Klein-Karrierist: „Nach den ersten Minuten des Glücks und der Leichtigkeit im Herzen empfand“ er „überraschend ein unbekanntes, vages, beklemmendes Gefühl, das ihn zum ersten Mal im Leben heimsuchte. Es war das neue, seltsame, besondere Gefühl der Schuld für seinen Kleinmut … Hatte er richtig gelebt? War er wirklich so redlich, wie alle in seinem Umkreis dachten? In seinem Herzen vermengte sich alles zu einem quälenden Gefühl der Reue, das immer stärker wurde.“ Da spricht Grossman von sich selbst, hatte er doch den parteioffiziellen Brandbrief gegen die Kremlärzte wunschgemäß mitunterzeichnet.

Wie steht es um die Verantwortung des Einzelnen in einer Diktatur? Diese Frage beschäftigte Grossman bis zu seinem Tod 1964. Daher der moralisierende Ton dieser Erzählung. Aber auch da steht der Autor in der Tradition der russischen Literatur, in der Tradition Dostojewskis und, was die Verflechtung der literarischen Personen mit der Weltgeschichte angeht, Tolstois. Vor dem besonderen Hintergrund des Jahres 1961 muss das Buch auch heute gelesen werden.

Wassili Grossman: Alles fließt. Erzählung. Aus dem Russischen von Annelore Nitschke. Ullstein Verlag, Berlin 2010. 254 Seiten, 24,95 €.

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