Kultur : "Freiheit. Und Liebe"

Seit ihrem ersten, mit mittlerweise zehn internationalen Preisen überschütteten Film vor vier Jahren, "En avoir (ou pas)" - Haben (oder nicht), gilt Laetitia Masson, geboren 1967, als eine der großen Hoffnungen des französischen Kinos. Über ihren neuen Spielfilm "Zu verkaufen", dem zweiten einer Trilogie über Geld, Arbeit und Liebe, sprach Christina Tilmann.



Frau Masson, nach Ihrem erfolgreichen Debüt beschäftigt sich auch Ihr zweiter Film mit dem Aufbruch eines jungen Frau aus der Provinz. Was reizt Sie an diesem Thema? Gibt es einen autobiographischer Bezug?



Nein. Ich bin in Paris aufgewachsen und habe eine ganz andere Biographie als meine Protagonistinnen. Ich habe vielmehr dieses Thema gewählt, weil es für mich universal gültig ist. Diese Mädchen brechen aus einer begrenzten Situation auf, auf der Suche nach einem Kontakt zur Welt. Sie erproben die Möglichkeiten ihres Lebens.



Was suchen Figuren wie France und Alice wirklich? Liebe? Freiheit? Glück?



Am ehesten wohl Freiheit. Aber während sie fortschreiten in ihrer Reise, entdecken sie, daß es keine Freiheit geben kann. Und daß das Wichtigste, was Menschen erfahren können, ist, die Liebe zu finden. So gesehen, drehe ich nur Filme über Liebe.



Beide Male sind es junge Frauen, die Sie in ihrer Auseinandersetzung mit der Männerwelt begleiten. Würden Sie Ihre Filme als feministisch bezeichnen?



Vielleicht trifft das auf "En avoir (ou pas)" zu. Mein zweiter Film aber ist die Geschichte einer Frau, wie sie durch die Augen eines Mannes gesehen wird: mit den Augen des Privatdetektivs Luigi, der den Spuren von France folgt. Das ist eine völlig andere Situation. Ich bin keineswegs nur an Frauen interessiert, viel eher an Männern und am Verhältnis der Geschlechter untereinander. Ich würde gern auch einmal einen Film zwischen Männern drehen.



Dennoch sind beide Filme unverkennbar geprägt von der Hauptdarstellerin Sandrine Kiberlain. Haben Sie Ihre Filme speziell für Sandrine konzipiert?



Ja, das galt schon für meinen ersten Film, aber bei "Zu verkaufen" war ich nicht sicher, ob sie die Rolle akzeptieren würde. Die Figur der France ist eine sehr schwierige Rolle: verschlossen, rätselhaft, sehr körperbetont, viel schwerer zugänglich als die Rolle der Alice in "En avoir (ou pas)". Sandrine Kiberlain ist in Wirklichkeit ein sehr ruhiger Mensch mit vielen Ängsten. Für sie war es sehr schwierig, France zu spielen. Aber sie hat sich mit sehr viel Großzügigkeit auf die Rolle eingelassen.



Schon jetzt kann man sich Masson-Filme eigentlich ohne die Hauptdarstellerin Sandrine Kiberlain nicht vorstellen.



Vielleicht haben Sie recht: Auch in meinem dritten Film, "Only You", ist sie die Hauptdarstellerin. Je mehr Sandrine und ich zusammenarbeiten, je näher wir uns kennenlernen - und wir sind inzwischen richtig befreundet -, desto mehr wächst die Lust auf diese gemeinsame Arbeit. Aber auch wenn sie einmal nicht zur Verfügung stehen sollte, werde ich nun deswegen nicht gleich aufhören, Filme zu drehen. Und auch Sandrine bekommt nach dem großen Erfolg von "En avoir (ou pas)" immer mehr Angebote. Sie ist in Frankreich inzwischen so etwas wie ein Star.



Letztes Jahr wurde in Cannes, parallel zu "Zu verkaufen", der in der Nebenreihe "Un certain regard" präsentiert wurde, Erick Zoncas Filmerstling "La vie rêvée des anges" mit Begeisterung aufgenommen. Er hat ein sehr ähnliches Thema: die Aufbruchssituation junger Frauen. Ein echter neuer Schwerpunkt des französischen Kinos?



Das ist wohl eher ein Zufall. "Zu verkaufen" habe ich gedreht, bevor ich von Zoncas Projekt erfahren habe. Und tatsächlich denke ich, daß Zoncas Film ein ganz anderes Thema hat, da geht es doch um die Freundschaft zweier Mädchen. Das ist viel stärker eine Beziehungsgeschichte als "Zu verkaufen": Man erfährt wenig über France, und das soll auch so sein.

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