Kultur : Freiheit zum Mitsingen

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Es gibt schon einen Indien-Befreiungsfilm. „Gandhi“ mit Ben Kingsley. Aber jetzt müssen wir die Befreiung Indiens neu überdenken. Obwohl „Lagaan: Once Upon a Time in India“ nicht aussieht wie ein Befreiungsfilm. Eigentlich handelt es sich um die längste Übertragung eines Cricket-Spiels außerhalb Englands und seit Erfindung der elektronischen Medien. Das ist verdienstvoll. Aber reicht es schon für einen Block-Buster? Die Inder waren begeistert von „Lagaan“, dem teuersten indischen Film aller Zeiten, Drehbuch und Regie: Ashutosh Gowariker.

Wie erklärt man einen Bollywood-Cricket-Befreiungs-Film? „Lagaan“ ist vier Stunden lang. Unter Wagner-Opern-Ausdehnung geht in Indien kein Mensch ins Kino. Zwischendurch gibt es eine Generalpause zum Eisessen. Indien ist die größte Filmnation der Welt: 900 Produktionen im Jahr. Das Kurzfilm-Studio Hollywood schafft gerade ein Drittel davon. Es wird viel getanzt in „Lagaan“, denn die oberste Regel eines Bollywood-Films lautet: sechs oder sieben Tänze und Lieder, die jeder mitsingen kann. Jedenfalls beim zweiten oder dritten Mal. Die Befreiung Indiens zum Mitsingen ist eine schöne emanzipatorische Idee.

Eine weitere Regel des Bollywood-Films heißt: Das Mädchen trifft den Helden und am Ende heiraten sie, Küsse auf der Leinwand prinzipiell ausgeschlossen. „Lagaan“ hält sich vorbildlich daran. Die Bauerntochter Gauri liebt den Bauernsohn und künftigen Cricket-Helden Bhuvan. Auch das dürften Echtheitsfanatiker sowie Patrioten als Ablenkung vom authentischen antikolonialistischen Impuls empfinden. Und die Dogma-Filmer wenden sich ohnehin ab: Wir sehen ein indisches Dorf vor einer Dürre-Hunger-Katastrophe, aber die Menschen sind alle so schön, und ihr Dorf ist es auch. Es ist typisch europäische Überheblichkeit, das zu kritisieren. Will man in einem Land, in dem Elend, Hunger und Durst allgegenwärtig sind, Hunger, Elend und Durst auch noch im Kino sehen? Auch darin ist Bollywood Hollywood eindeutig überlegen: „Traumfabrik“ zu sein.

Die Urform des Traums ist das Märchen. Hollywood hat aus den Märchen Erwachsenengeschichten gemacht. Bollywood nicht. Seine Filme sind Märchenfilme geblieben, mit Archetypen statt richtiger Menschen. Märchen für Erwachsene sind schwer exportierbar, vielleicht ist der Bollywoodfilm deshalb nie über Indien herausgekommen. „Lagaan“ schon. Er ist für den Auslands-Oscar nominiert und gewann 2001 den Publikumspreis in Locarno. Woran liegt das? Gute zwei Stunden Landesbefreiung durch Cricket? Das ist ein neues Element im indischen Film, ein parodistisches, ja beinahe ein ironisches. Das verstehen wir sofort. Humor im Märchen? Plötzlich ist alle Fremdheit weg.

Und die Überzeichnungen bekommen beinahe etwas Trashiges. Denn natürlich sind die Guten hier nichts als gut, und die Bösen urböse. Selten hat man einen so arroganten Briten gesehen wie hier, im Jahr 1893. Der böse Kolonialoffizier Captain Russell hebt die Steuern. Trotz der Dürre. Kolonialisten sind so. Er würde die Steuern auch senken, wenn der Lokalfürst sich überreden ließe, Rindfleisch zu essen. Aber der indische König besitzt noch etwas, was den Eroberern längst verloren ging: Würde. Er isst das heilige Fleisch nicht. Also muss sein Volk dreimal soviel Steuern zahlen, beschließt Russell. Es sei denn, der junge Bauernsohn, der über ihn und das Cricket-Spiel gelacht hat, schlägt die Briten beim Cricket. Und wir sehen ein ganzes indisches Dorf Cricket lernen. Was sonst sollen Bauern tun ohne Regen?

Ein Märchen, selbstverständlich. Vor allem ist „Lagaan“ Monty Python auf indisch. Nur dass bei Monty Python nicht halb so schön gesungen wird. Und selbst das „Leben des Brian“ solche Massenszenen nicht bieten kann. 10000 Statisten allein für das Cricket-Spiel der indischen Underdogs gegen die britische Kolonialarroganz. Ja doch, das ist großes Kino. Im Wortsinn. Mehr Farben! Mehr Musik! Mehr Cricket! Und mit den größten indischen Stars: Aamir Khan als heldenhafter Bauernsohn Bhuvan und Gracy Singh als sein Mädchen. Kerstin Decker

Balász (O.m.engl.U)

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