"Freischwimmer"-Festival : Muppets für Muammar

Von Puppenspielern, öffentlichen Küssen und Hybrid-Menschen: Die freie Theaterszene zeigt ihre Werke in insgesamt sieben Inszenierungen im diesjährigen "Freischwimmer"-Festival in den Sophiensälen.

von
Intimität im Scheinwerferlicht: In der Performance "Romantic Afternoon" tauschen die Darsteller - hier Jung Yun Bae und Robert Redmer - eine Menge Küsse aus.
Intimität im Scheinwerferlicht: In der Performance "Romantic Afternoon" tauschen die Darsteller - hier Jung Yun Bae und Robert...Foto: Billinger/Schulz

Hartnäckig hält sich der Glaube, dass kollektiv zusammengetragene Wissensfragmente sich zu einem sinnvollen Ganzen fügen, siehe Wikipedia. Na dann, mal hören. Straßenbefragung mit gezückter Kamera. Was fällt Ihnen spontan zum Namen Gaddafi ein? „Das ist ein Staatschef, sehr zweifelhaft, wird mit Aufständischen und Terroristen in Verbindung gebracht.“ „Der feiert Bunga-Bunga-Partys mit Berlusconi“. Aha. „Er lebt in einem Zelt.“ Oho. „Hat Amerikaner rausgeschmissen, ist gut, weil Amerikaner sind Parasiten.“ Wird ja immer besser. „King of the Kings“ nennt sich diese Produktion des Theaterkollektivs mit dem klingenden Namen „lovefuckers“, wohinter die Puppenspielerinnen Anna Menzel und Ivana Sajevic stehen. Die beiden Ernst-Busch-Absolventinnen überführen ihre muntere Video-Volkserhebung alsbald in einen grotesken Politthriller mit Diktator-Dummy, eine Muppetshow für Muammar. Die Idee entstand bereits vor Monaten, nun zappen sie sich, tagesaktuell eingeholt durch die Despoten-Vita, und lassen Gaddafi sein eigenes Theaterstück aufführen.

„King of the Kings“ ist eine von sieben Inszenierungen, die beim diesjährigen Freischwimmer-Festival Uraufführung feiern, einer Wander-Schau der freien Szene. Nach der Premiere in den Sophiensälen reisen die Produktionen weiter nach Hamburg, Wien, Zürich und Düsseldorf. „Rückzug ins Öffentliche“ haben die „Freischwimmer“-Macher der fünf Häuser das Festival überschrieben, und wie Franziska Werner aus dem Leitungsteam der Sophiensäle berichtet, gab es dabei überraschenderweise keine einzige Konzepteinreichung zum Thema Facebook und Co.

Stattdessen referiert die Künstlerin Corinna Korth in „Furry Species“ im Stile eines wissenschaftlichen Vortrags über das Wesen der Zukunft: den Hybriden, halb Mensch, halb Tier, der das Beste beider Welten in sich vereint. Sie hat auch ihren Hund mit auf der Bühne, pardon, genauer, ihren Kollegen Kojote, der in Korths „Institut für Hybridforschung“ das Ressort „Domestikation und Wildheit“ betreut. Derweil verfolgt man per Video die operative Verwandlung der Künstlerin, die zum Wolf wird, teilweise jedenfalls. Schließlich sind Wölfe überaus soziale Tiere, und sie hören auch viel besser als der Mensch. Es ist ein sehr gescheites Spiel mit biologischen Zuschreibungen und Selbstoptimierungs-Strategien, das Korth da betreibt.

Das Themenspektrum dieses „Freischwimmer“-Jahrgangs ist überhaupt erfreulich. In „Romantic Afternoon“ von Verena Billinger und Sebastian Schulz, der mit Abstand körperlichsten Performance, wird der öffentliche Kuss verhandelt – als Überschwang an Intimität und leeres Zeichen zugleich. Ein multinationales Team „küsst sich eine Stunde lang um den Verstand des Zuschauers“, so sagt es der Theatermacher Markus Droß, der sämtlichen Produktionen als künstlerischer Coach zur Verfügung stand. In „Souveraines“ untersucht das Künstlerinnen-Duo Chuck Morris im Doppelkörper-Kostüm Fragen der leibhaftigen Souveränität, ausgehend vom königlichen Körper, der in der Historie „von der Betrachtung des Stuhlgangs bis zur öffentlichen Ankleide“ zur Verfügung stand, so Droß. Und die Polin Magdalena Chowaniec lädt in „Bis dass der Tod uns scheidet“ zu einer wodkabefeuerten polnischen Hochzeit, auf der die Gäste über ihre eigene Rolle in Verwirrung geraten.

Auf dem Hof der Sophiensäle hat die Wiener Künstlerin Barbara Kremser alias Barbara Ungepflegt den „Notstand“ ausgerufen. Es ist ein Hochsitz, den man über eine hohe hölzerne Leiter erklimmt, im Sicherheitsgurt, was in Wien nicht vorgeschrieben sein wird, erzählt Kremser. Der Österreicher hat eben ein gelasseneres Verhältnis zum Tod. Auch dieser Notstand, auf den ersten Blick anheimelnd rustikal, ist von feinem Hintersinn. Da hängt etwa als Kreuzbandstich der Zierspruch „Mut zu Eliten“ an der Wand. Das stammt aus dem Bildungsprogramm der Österreichischen Volkspartei.

Freischwimmer-Festival bis 19.3. in den Sophiensälen. Informationen unter www.freischwimmer-festival.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben