Kultur : Freizeit, die ich meine

LESUNG

Franz Anton Cramer

Als die Freiheit erfunden wurde, hat niemand an Bequemlichkeit gedacht. Die Buchautorin Marcia Pally ruft zu einem positiven Verhältnis mit dieser Unbequemlichkeit auf und fordert „Kritisches Denken“ als beständige Arbeit an der Bewahrung einer freien Gesellschaftsform. Unter dem Motto „Angst – der Schatten der Demokratie“ stellte Pally, seit 1988 regelmäßige Kolumnistin für zahlreiche deutschsprachige Zeitungen und Professorin an der New York University, im Roten Salon der Berliner Volksbühne ihr Buch „Lob der Kritik“ (Berlin Verlag, 411 Seiten, 22 €) vor. Im Untertitel heißt es: „Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf“ (siehe auch Tagesspiegel vom 12. Mai). „Selbstbestimmtes Denken“ sei die Fähigkeit, „Dinge unabhängig von kirchlicher oder staatlicher Autorität zu erkennen und dem eigenen Urteil zu unterwerfen“.

Kritisches Denken als Hauptwerkzeug demokratischen Bürgersinns bewies Pally in ihren Redebeiträgen etwa zur Frage nach der Aggressivität der amerikanischen Gesellschaft. Pioniergeist, Aufbauwille und ständige Neuerfindung des eigenen Lebens seien die positive Seite des amerikanischen Vitalismus, Aggression und Gewaltbereitschaft die negative, aber das eine ohne das andere eben nicht zu haben. Die antikritischen „einfachen Lösungen“ – schlechte Eigenschaften „ausmerzen“, um mit den guten eine „bessere Gesellschaft“ zu bauen – führten eben nicht, so Pally, zu mehr Verständnis, sondern bloß zu Vereinfachung. Und die helfe meistens am wenigsten bei der Bewältigung gesellschaftlicher Probleme. „Kritisches Denken ist keine moralische Kategorie“, sagte Pally, „es ist ein Auftrag zur Genauigkeit und bedeutet die Bereitschaft, eigene Gewissheiten stets zu überprüfen“. Die Freiheit ist eben nicht dazu da, bequem zu sein.

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