Kultur : Fremd sein, frei sein

Türkische Identitäten: Elif Shafaks Roman „Die Heilige des nahenden Irrsinns“

Andreas Pflitsch

Irgendwo unterwegs zwischen Istanbul und Boston sind ihm ein paar Pünktchen abhanden gekommen, und aus Ömer Özsipahiozlu wurde Omar Ozsipahioglu. Keine große Sache, möchte man meinen, doch ganz so harmlos ist das nicht. Wenn „Namen an ein fremdes Land angepasst werden, geht immer etwas verloren“. Und dieser Verlust hängt Ömer nach. Er ist nach Amerika gekommen, um eine Dissertation über „Herkunft, Verstand und Heimatgefühl: Nationalismus und die Intellektuellen im Mittleren Osten“ zu schreiben. Die Wohnung teilt er sich mit Abed, einem frommen und redseligen Marokkaner, der seine Schlafstörungen mit dem Konsum von Splatterfilmen betäubt, und mit Piyu, einem spanischen Studenten der Zahnmedizin, der von einer „äußerst merkwürdigen Phobie vor scharfen, spitzen Gegenständen aller Art“ geplagt wird. Hochgradig neurotisch also diese Wohngemeinschaft, eine muntere Parallelgesellschaft von nebenan.

Und ausgerechnet bei Zarpandit, einer Vertreterin der so genannten Mehrheitsgesellschaft, kann von Integration am wenigsten die Rede sein. Das ist nur eine der vielen Pointen von Elif Shafaks Roman „Die Heilige des nahenden Irrsinns“. Denn wo immer sich diese bis zuletzt verstörend geheimnisvoll gezeichnete Figur gerade aufhält, ist sie zutiefst davon überzeugt, dort nicht hinzugehören. Schon als Kind findet sie, dass es „nichts Bedrückenderes im Leben“ gibt, „als Spaß haben zu müssen.“ Mit 19 beschließt sie, sich fortan Gail zu nennen und sich damit den Namen zuzulegen, „den Ömer Özsipahiozlu sieben Jahre später heiraten würde“.

Elif Shafak wird in der Türkei in einem Atemzug mit Orhan Pamuk genannt. Der wiederum preist die Autorin als größte literarische Entdeckung der letzten Jahre. In ihrem fünften Roman (dem ersten auf Englisch geschriebenen!) erzählt sie von der Sehnsucht, die ihren Weg nicht findet und somit ziel- und richtungslos bleibt. Die Mobilität ist Shafak in die Wiege gelegt. 1971 in Straßburg geboren, wuchs sie als Tochter einer alleinerziehenden Diplomatin in Spanien und der Türkei auf. Sie hat sich mit Beiträgen in türkischen Zeitungen und Zeitschriften auch als politische Publizistin einen Namen gemacht und lehrt nun Gender Studies an der University of Arizona.

Leider geht die mit allen Wassern der postkolonialen Theorie gewaschene Akademikerin manchmal mit der Autorin durch, und sie verfällt ins Dozieren, anstatt auf ihre erzählerischen Fähigkeiten zu vertrauen. Doch obwohl der Roman unter der Schwere und Vielzahl der gewälzten Probleme und der zuweilen etwas penetrant demonstrierten Belesenheit der Autorin ächzt, nimmt er schnell Fahrt auf. Als etwa Abeds Mutter aus Marokko anreist und ihren Sohn damit in Verlegenheit stürzt, stellt sich heraus, dass die patente Maghrebinerin mit dem Kulturschock besser zurande kommt als befürchtet.

Jede Figur ist auf ihre Art verloren und leidet an der transzendentalen Obdachlosigkeit der Moderne. Alle bewegen sich auf dünnem Eis. Was sich darunter verbirgt, möchte der Leser gar nicht so genau wissen. Es gehört zu den Vorzügen des Romans, dass es in der Schwebe bleibt. Es gilt das Motto des islamischen Mystikers Rumi: Ein Heiliger sieht eine Krähe und einen Storch beieinander stehen und wundert sich über diesen seltenen Anblick, bis er bemerkt, dass beide lahm sind. Der Defekt eint scheinbar Unvereinbares. Ömer und Gail, obwohl grundverschieden, verbindet ihre Fremdheit, das Gefühl mangelnder Zugehörigkeit führt sie zusammen.

Die Haltlosigkeit des Fremdseins bedeutet aber eben auch, frei zu sein, „vergangenheitslos und somit makellos“. „Seine unbehauste Leere war einfach wunderbar“, heißt es über Ömers erste Tage in Amerika, „von einer Materie, so durchscheinend, dass sie unter dem Furnier der Anonymität fast unsichtbar war; er war ein vollkommener Fremder geworden in einer Welt erstickender Vertrautheiten, wo allzu viele Menschen bis hin zu den minimalsten Einzelheiten ihrer persönlichen Geschichte erkannt wurden.“

Elif Shafak hat mit „Die Heilige des nahenden Irrsinns“ die Ambivalenz von Fremdheit und Freiheit bedrückend gut getroffen. Ihr gelingt ein launig erzähltes Kippbild gegenwärtiger Patchwork-Identitäten, ein anrührendes und kurzweiliges, wenn auch bisweilen überbordendes Sittenbild des Post-9/11-Amerika. Gail zieht es schließlich dorthin, „wo es keine Rolle mehr spielt, wie ihr nächster Name lauten wird“. Immerhin, ihre Sehnsucht hat ein Ziel.

Elif Shafak: Die Heilige des nahenden Irrsinns. Roman. Aus dem Englischen von Margarete Längsfeld. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005. 412 S., 22,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben