Kultur : Fremd überall

Isabel Herzfeld

Sie war "der lebendige Beweis gegen das Vorurteil, das schöpferische Handwerk des Komponierens sei Männersache". Noch 1979 musste Grete von Zieritz sich dieses zweifelhafte Kompliment anhören. Da war sie 80 und längst eine Institution im (West-)Berliner Musikleben geworden. Eine kämpferische allerdings, die weder den damals aufkommenden "Frauenbonus" in Anspruch nahm noch sonstigen Moden hinterherlief. Ihr ganzes 102-jähriges Leben lang hat Grete von Zieritz das so gehalten. Sie bestand darauf, keine "Komponistin" zu sein, sondern ein "weiblicher Komponist", eine mühevoll errungene, erst spät anerkannte und immer wieder prekäre Existenz. Dabei hatte die 1899 in Wien geborene Tochter eines k.u.k-Offiziers zunächst glänzende Karriere-Aussichten - als Pianistin. Den letzten Schliff wollte sie sich während eines Berlin-Aufenthalts bei dem Liszt-Schüler Martin Krause holen - doch die Stadt ließ sie zeitlebens nicht mehr los. Der erste große Erfolg ermutigte sie zur Komponistenlaufbahn: "Zehn japanische Lieder" für Sopran und Klavier von 1919 überzeugen durch ihre glühende, klangsinnliche Expressivität und können auch heute noch neben zeitgleichen Schöpfungen etwa von Berg oder Zemlinsky bestehen.

Es folgten das Studium in der Meisterklasse Franz Schrekers und Werke für jede Besetzung in einer individuellen freitonalen Sprache. Die Nazis, die ihre Musik weiterhin aufführten, verschafften dennoch auch ihr einen "Karriereknick": auch Grete von Zieritz verfasste plötzlich "Suiten im alten Stil" und war nach dem Krieg "unzeitgemäß".

Doch einer "Avantgarde um jeden Preis" verweigerte sie sich standhaft; in den 60er Jahren fand sie mit zeitkritischen Beiträgen zu einer inhaltlich bestimmten Modernität von großer gestischer Kraft. So in der "Kosmischen Wanderung" für Chor und Schlagzeug (1968), die ein atomares Szenario schildert, oder den vor Kriegsgefahr warnenden "Kassandrarufen" (1986). In zahlreichen Werken mit Zigeunerthematik gewann das Leiden der Unterdrückten Klanggestalt, und als Zigeunerin sah Grete von Zieritz sich schließlich selbst - nirgends zugehörig und doch von starker Identität. Am Montag ist sie, die sich bis zum Schluss unverwüstlicher Gesundheit und scharfer Urteilskraft erfreute, in ihrer Berliner Wohnung gestorben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben