Kultur : Fremd überall

Uraufführung in Bremen: Johannes Kalitzkes Oper „Inferno“ nach Peter Weiss

Sybill Mahlke

„Ich lebte lange ohne Sprache“, sagt Dante Alighieri. Er meint die Existenz im Exil. Das Stück „Inferno“ handelt von der Traurigkeit einer Heimkehr. Er sei durch eine Stadt gegangen, singt Dante in seiner Aria, die jener ähnlich war, in der er aufwuchs. Das Haus der Geliebten fehlt. Gepflegte Plätze, wo gestern noch die Scheiterhaufen brannten. Die Seele aber fühlt deutsch-romantisch mit Wilhelm Müller oder Eichendorff: Es kennt mich dort keiner mehr. Ein Fremdling. Die Oper „Inferno“ von Johannes Kalitzke nach Peter Weiss, die nun als Auftragswerk des Bremer Theaters uraufgeführt wurde, zeigt Dante als Bühnenfigur. Die tiefste Schicht des Werks findet sich im Mittelalter, in Dantes „Göttlicher Komödie“.

In den sechziger Jahren plante Peter Weiss eine Theater-Trilogie in Anlehnung an die „Divina Comedia“. Die Notizbücher des deutschen Dichters verraten, dass er mit „Inferno“, dem ersten Teil des „DC“-Projekts, seine Kritik am Fortwirken des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik auf die Bühne bringen wollte. Ausgekoppelt aus dem Zyklus machte der „Paradiso“-Teil weltweit Furore: „Die Ermittlung“, Weiss’ szenische Darstellung des Frankfurter Auschwitzprozesses, wurde 1965 uraufgeführt. Die Trilogie blieb unvollendet, von „Inferno“ existiert nur eine „vorläufige Fassung“. Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, erschien das Stück 2003 bei Suhrkamp. Weiss verknüpft die Verbannung des Florentiner Dichters mit dem eigenen heimatlosen Leben als emigrierter Jude.

In frühen Entwürfen tauchen Namen wie Goebbels, Himmler und Globke auf. Das Stück aber gewinnt seinen Charakter als eigenes Kapitel eines Welttheaters, weil konkrete Namen zugunsten mythologischer eliminiert wurden. Die Rollen oder Stimmen heißen Charon, Pluto, Cerberus, Medusa oder auch „Chef“ und „Figur 1,2,3, 4“, während Dante wie in der „Göttlichen Komödie“ von dem römischen Dichter Vergil begleitet wird.

Thema des Dramas, aus dem Johannes Kalitzke nun eine „Schwarze Show“ gemacht hat, ist Weiss’/Dantes Gefühl der „Unzugehörigkeit“. Keiner kennt mich mehr hier. Die Nachkriegsgesellschaft amüsiert sich, ohne die Täter von damals zu bestrafen. Das ist für den Fremdling das Inferno. Die altneuen Machthaber wollen Dante ködern, indem sie ihm die üblichen Orden und Ämter zukommen lassen. Gleichzeitig geht man daran, seinen traumatischen Schuldkomplex des Davongekommenseins zu nähren. Als Spiel im Spiel wird dem Protagonisten vorgehalten, dass er selbst einst an Quälereien und Folterungen teilgenommen habe. Auch Beatrice, die ferne Geliebte, hat er nicht retten können.

Auf der Bremer Bühne stellt sich dieses Frauenbild vervielfältigt dar, mit hochgepustetem Rock à la Marilyn über dem New Yorker U-Bahn-Schacht. Regisseur David Mouchtar-Samorai, zuständig für gesellschaftliches Umfeld und dessen Klischees, erdrückt und vertändelt die Feinheiten der Handlung. Zwischen den Spiralenformen des Bühnenbilds (Heinz Hauser) tritt aus den eigenschaftslosen Kostümen, die Urte Eicker entworfen hat, Dante hervor. Mit Dante-Käppi und Lorbeerkranz sieht er tatsächlich wie Dante aus. Der Rest ist 20. Jahrhundert.

Johannes Kalitzke, der in Donaueschingen mit madrigalesken Kompositionen bekannt wurde, arbeitet hier vornehmlich als musikalischer Dramaturg. Die Bremer Philharmoniker, das Ensemble (mit dem gefeierten Armin Kolarczyk als Dante) und dem Opernchor des Bremer Theaters lassen unter Stefan Klingele sorgfältige Mühe walten. Einer Rückblende, der Lento-Arie des Vergil „Sie waren achtzehn“, antwortet der triviale Boogie der Gegenwart, es folgt eine Arie Dantes über die Stadt. Der weite Ambitus der Poesie schließt Formen wie Hoquetus, Menuett und Ragtime ein, das Instrumentarium Theorbe bis E-Gitarre, Saxofone, farbige Blockflöte, Elektronik und Zuspielband. Das bedeutet viel Adaption. Die Mittelmäßigkeit der Gesellschaft kommt um kompositorische Mittelmäßigkeit nicht herum. Aber es gibt Klänge in der Partitur von Krieg und Traum, Intermezzi und Weltmusik, die Solovioline von fern, die man wiederhören möchte, vielleicht an anderer Stelle, ohne den inszenatorischen Müll.

Als Dirigent bereitet Kalitzke an der Berliner Staatsoper übrigens die Uraufführung von Hans Zenders „Chief Joseph“ vor: kollegiale Ehrensache unter komponierenden Dirigenten.

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