Kultur : Fremde Früchte

Heute beginnt in Berlin das „Jewish Film Festival“

Silvia Hallensleben

Zehn Jahre ist Diane Keatons Regiedebüt „Unstrung Heroes“ nun auf der Welt und doch noch so frisch wie am ersten Tag. Und auch das Filmfest, das heute Abend mit diesem Film eröffnet wird, hat in seinen ersten zehn Lebensjahren zwar an Format und öffentlicher Präsenz gewonnen, in die Jahre gekommen ist es nicht. 1995 hatte Nicola Galliner, damalige und jetzige Leiterin der Volkshochschule der Berliner Jüdischen Gemeinde, das „Jewish Film Festival Berlin“ mit dem ihr eigenen Enthusiasmus aus der Taufe gehoben.

23 Filme aus neun Ländern sind dieses Jahr im Arsenal zu Gast: lange und kurze Filme, Dokumentar- und Spielfilme, offensichtlich politische und scheinbar private. Und auch der Bezug zum Jüdischen ist sehr unterschiedlich gelagert. Jonathan Metzgers Jugend-Komödie „Bit by Bit“ etwa widmet sich mit krassem Humor dem Konflikt eines jungen Nintendo-Aktivisten zwischen einem bedeutenden Game-Wettbewerb und dem Seder-Fest, das den jährlichen Höhepunkt des Familienlebens markiert. Der jüdisch-religiöse Hintergrund dient der Erzählung nur als Projektionsfläche konservativer Familienkultur, die ohne Problem auch durch traditionell christliche oder islamische Traditionen besetzt werden könnte. „Shiva for my Mother“ dagegen von der israelischen Regisseurin Yael Katzir nimmt sich die traditionelle siebentägige jüdische Trauerzeit zum Inhalt und zeigt, wie das Ritual Raum und Zeit geben kann, mit dem Abschied – hier von der Mutter der Filmemacherin – auch latente Familienkonflikte zu verarbeiten.

In andere familiäre Abgründe steigt der US-amerikanische Filmemacher Nathaniel Kahn ein. Auch „My Architect“ ist ein filmischer Abschiedsgruß an einen Vater, den Architekturpionier Louis I. Kahn, der als Kind aus Estland in die USA kam und unter anderem das Regierungsviertel von Bangladesch entwarf. Nathaniel bekam den Vater nur selten zu sehen, denn er und seine Mutter waren nur eine von mehreren Familien, die der sympathische Egomane ohne allzu großen eigenen Reibungsverlust nebeneinander betrieb. Opfer waren die Frauen, die sich in Bitterkeit und Lebenslügen flüchten.

Wieviel Wahrheit kann der Mensch vertragen? Diese Frage stellt auch der israelische Regisseur David Ofek, der in „No.17“ eine Rekonstruktion ganz anderer Art betreibt. Nach einem Bombenattentat auf einen israelischen Linienbus kann ein Opfer nicht identifiziert werden. Anscheinend wird der Tote auch von niemandem vermisst. Ein illegaler Einwanderer? Ein Tourist? Mit Unterstützung von Polizei, Gerichtsmedizin und einem Phantomzeichner versucht Ofek, die Identität des Passagiers herauszufinden.

Israel ist eine Immigrantengesellschaft, immer wieder blendet Ofek Kurzbiografien seiner Protagonisten in den Filmverlauf ein. „From Swastika to Jim Crow“ (USA, R: Steven Fischler, Joel Sucher, Lori Cheatle, Martin Taub) erzählt von Einwanderern aus anderer Zeit: Jüdischen – durchweg männlichen - Naziflüchtlingen, die als Lehrer in den Negro-Colleges der Südstaaten zu engagierten Verbündeten ihrer Studenten wurden, bis der zunehmende schwarze Separatismus sie auf die Seite der weißen Unterdrücker rückte. Eine andere Geschichte von dieser kurzen und produktiven Symbiose erzählt Joel Katz‘ Fernsehdokumentation „Strange Fruit“. Billie Holidays gleichnamiges Lied, das die Opfer rassistischer Lynchjustiz in eindringlichen Metaphern beklagt, wurde zu einer Hymne gegen Rassismus und Diskriminierung. Doch die wenigsten wissen, dass ein sozialistischer jüdischer Englischlehrer aus der Bronx den Song geschrieben hat.

Abel Meeropol, 1903 als Sohn russischer Immigranten geboren, musste sich später gegen den Vorwurf rechtfertigen, er habe das Lied im kommunistischen Auftrag geschrieben. Ein typischer Fehlgriff polizeilichen Denkens: Denn Meeropol war zwar wirklich Kommunist, das Lied aber Herzensangelegenheit eines Mannes, der an die Solidarität unter den Unterdrückten glaubte. Jetzt steht an der Mauer draußen „Kill a Muslim now!“ Drinnen in Meeropols alter Schule sitzen Schüler unterschiedlichster Herkunft und deuteln gemeinsam an dem Song. Hoffentlich ist das nicht nur für den Film inszeniert.

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