Kultur : Fremder Blick auf die Heimat

ZONYA DENGI

Die Optimisten der Branche sehen das türkische Kino derzeit im Aufschwung, pessimistische Stimmen prophezeien ihm den Ruin.Immerhin: Die Filmreihe, die jetzt im Rahmen des Kulturfestivals "grenzenlos" in den Kinos Arsenal und Eiszeit gezeigt wird, ist ein deutliches Indiz dafür, daß jenseits des Bosporus die Bilder nicht erstarren.Gemeinsam ist den acht ausgewählten Filmen des "neuen" türkischen Kinos nicht nur, daß sie bereits zum Istanbuler Filmfestival angetreten sind, sondern sie entsprechen auch von ihrer Qualität her europäischem Standard.Seit den achtziger Jahren, als der Militärputsch namhafte Regisseure ins Exil trieb, kamen nur wenige Filme nach Europa - etwa die Autorenfilme von Yilmaz Güney.Als cineastisches Terrain fristete die Türkei seit jeher ein Schattendasein; die Filmindustrie, in den sechziger Jahren eine der weltgrößten, produzierte nur B-Movies und kitschige Melodramen.Leicht haben es die Filmemacher nach wie vor nicht, ihre Sprache jenseits von Kommerz und Zensur zu finden.Die Türkei fördert mittlerweile den Film als Vehikel zur Aufbesserung ihres Images in Europa, tut dies aber nur mit geringen Summen; also sind die Filmemacher auf finanzstarke Produzenten angewiesen.Die Zensur, die immer mit der Türkei assoziert wird, ist zwar offiziell aufgehoben, aber noch immer wirft ein Komitee im Kultusministerium einen kritischen Blick auf die Produktionen.Noch kleiner wird der Spielraum, blickt man auf die Hollywood-Vorherrschaft, die 90 Prozent des Marktes abdeckt.Angesichts dieser Hürden verwundert es nicht, wenn die Regisseure einen fremden Blick auf die Heimat werfen.In "Masumiyet" (Die Unschuld) von Zeki Demirbukuz wechselt die Perspektive zwischen den verängstigten Blicken Yusufs, der nach zehn Jahren Haft jegliche Nähe zu Menschen und Orten verloren hat, und einem distanzierten Blick, der Yusuf seinem Schicksal ausliefert.So langsam wie Yusuf bewegt sich auch der Film: Sich wiederholende Szenen wie der ständig laufende Fernseher im Foyer einer Pension spiegeln Eintönigkeit wider.Bilge Ceylans Debütfilm "Kasaba" (Die Kleinstadt) erzählt - aus dem Blickwinkel zweier Geschwister - die unterschiedlichen Ansichten dreier Generationen über die kleinstädtische Heimat: der rebellierende junge Mann möchte aus der Enge ausbrechen, im Gegensatz zu dem aus Amerika heimgekehrten Onkel und dem Großvater, der einst in Kriegsgefangenschaft saß.Ganz in Schwarzweiß ist diese Welt gefilmt, mit Kindern, in deren Blicken viel Sorge vor der Zukunft nistet.Ein zweiter Schwerpunkt des kleinen Filmfestivals widmet sich türkisch-deutschen Erfahrungswelten.Kreuzberg, die größte türkische Stadt außerhalb der Türkei, wird zum Helden einiger Kurz- und Dokumentarfilme, die im Eiszeit laufen.Empfehlenswert ist vor allem die Kurzfilmreihe; sie zeigt unter anderem die "Ghettofilme" des jungen Regisseurs Neco Celik.

Im Eiszeit und Arsenal: Neues Türkisches Kino, bis 7.Oktober.Filme von Migranten und Migrantinnen der zweiten und dritten Generation, bis 21.Oktober.

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