Kultur : Fremdes Zuhause

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Schon in der Antike wurde durch die Welt gereist, und wer von einer Reise zurückkehrte, hatte etwas zu erzählen. Aber erst mit dem Buchdruck konnte das Genre Reiseliteratur zu einem Renner werden: Die Schriftsteller folgten den neuen Handelswegen ins bisher Unbekannte und berichteten dem lesehungrigen und von der Ferne träumenden Publikum zu Hause allerlei Exotisches. Die Reise, die Xavier de Maistre im Frühjahr 1790 antritt, nutzt all die aus der Tradition des Reiseberichts bekannten Ingredienzien, und doch unterscheidet sie sich in einem wesentlichen Punkt: De Maistre, der nach einem Duell unter Hausarrest stand, unternahm notgedrungen eine Expedition durchs eigene Zimmer. Er schrieb darüber mit ähnlicher Entdeckerfreude wie all die anderen Welteroberer vor ihm und veröffentlichte seine literarische Reportage 1794 unter dem Titel „Voyage autour de ma chambre“.

Der Zimmerreisende erkundet „den ihm bekannten Raum mit all seinen Habseligkeiten und Alltagsgegenständen mit einem fremden Blick, der alles verwandelt, ohne es zu verändern“, schreibt Bernd Stiegler in seiner höchst lesenswerten Studie „Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum“. Stiegler schildert, wie alles an Ort und Stelle verbleibt und sich trotzdem verrückt, wie sich nicht der Betrachter bewegt, aber doch die Gegenstände, wie die Dinge einen Prozess der Verfremdung durchlaufen.

De Maistres Zimmer-Rundreise bildet um die Wende zum 19. Jahrhundert nur den Auftakt einer Gegenbewegung zu den inflationär erscheinenden Reiseromanen und -beschreibungen. Von nun an wird auf der Stelle gegangen und im alltäglichen Mikrokosmos die große Welt entdeckt: Eine Mode entsteht, die Titel sind Variationen von de Maistres schmalem Werk – „Reise durch meine Taschen“, „Expédition nocturne autour de ma chambre“, „Le Voyage autour de vingt-quatre heures“ usw. usw.

Das Besondere an diesen Reisen ist, dass sie etwas ganz Gegenwärtiges, Flüchtiges und Unwiederholbares haben: Sie sind weder imaginär noch entwerfen sie die Utopie einer fernen Welt, in der alles besser, zumindest aber anders wäre. Und sie konzentrieren sich auf den „vermeintlich bekannten Raum hier und jetzt“. Sophie von La Roche veröffentlicht 1799 ihr zweibändiges Werk „Mein Schreibetisch“. Es geht um das „Frauenzimmer“ der La Roche, um Bücher und Bilder, die sich im näheren Umkreis ihres Schreibtisches befinden, und dieses „titanische Unterfangen“ lässt eine eigentümliche, eindrückliche „Listenpoesie“ entstehen.

Indem die Gegenstände erfasst werden, erweitert sich das Zimmer ins Unendliche: Die Beschreibung wird zur Erschreibung der eigenen Geschichte, damit nicht zuletzt zu einer Selbstvergewisserung, die freilich auch – wie Stiegler ausführt – als spezifische Form weiblichen Schreibens gedeutet werden kann, die von gesellschaftlich und kulturell bedingten Beschränkungen und Kodierungen Zeugnis ablegt. Zur „inneren Biografie“ gesellt sich so eine „Autogeografie“ (Annegret Pelz). Bernd Stiegler macht aber nicht im Zimmer halt: 21 Etappen gilt es zu bewältigen. Wir lernen topografische Simulationen der Pilgerstätten kennen, die aufwendige Pilgerreisen überflüssig machen. Wir durchforsten den Garten, wo sich die Pflanzenwelt als Beschreibungskosmos darbietet. Oder wir werfen einen „gerahmten Blick“ durchs Fenster, der mehr zutage fördert als ein Spaziergang durch die Stadt. Wir ergehen uns mit Stiegler in den Interieurs des 19. Jahrhunderts, die zum Weltersatz werden. Und nicht zuletzt durchschreiten wir die Pariser Passagen, in denen der Flaneur sein Wohnzimmer fand.

„Zimmerreisen dienen der Erkundung und Affirmation von Ordnungen. Nicht selten gerät mit der Zimmerreise diese Ordnung erst in den Blick und wird durch die eigentümliche neue Haltung überhaupt erst wahrnehmbar“, schreibt Stiegler. Diese ordnende Funktion wird aber brüchig spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts. Stiegler zeigt das an Huysmans’ Roman „Gegen den Strich“, dessen Held Des Esseintes zurückgeworfen ist auf einen zunächst beglückenden, dann bedrängenden „Raum des unvermeidlichen Exils“. Die Zimmerreise wird zu einem Fluch, weil es zu ihr eigentlich keine Alternative mehr gibt.

Von nun an findet eine Destabilisierung statt, „je mehr der Raum schrumpft und sich in ein Zimmer, ja sogar in eine black box in ihm zurückzieht, um so größer wird auch die Orientierungslosigkeit und der Ordnungsverlust innerhalb der Welt der eigenen vier Wände“. Bis Phileas Fogg, Jules Vernes Weltumrundendem in 80 Tagen, bewegten sich die Zimmerreisenden als Schwimmer voran; nach ihm jedoch seien sie Surfer: Das Medium der Fortbewegung hat sich geändert, ist selbst Schrift oder im World Wide Web zu einem unüberschaubaren, nur noch sprunghaft zu erkundenden Raum geworden. Letztlich zu einem schwarzen Loch, in dem sowohl die Informationen, Bilder als auch das eigene Ich als Reisender durch die virtuellen Welten zu verschwinden drohen.

Bernd Stiegler, ehemals Wissenschaftslektor bei Suhrkamp und heute Professor für Neuere Literatur an der Universität in Konstanz, hat sich in seinen Büchern immer wieder mit den medialen Voraussetzungen von Kunst im 20. Jahrhundert auseinandergesetzt und unter anderem Theorie und Geschichte der Fotografie untersucht. Mit „Reisender Stillstand“ ist ihm eine wunderbare Kulturgeschichte, eine kurzweilige, Räume erschließende Erkundungsfahrt durch einen Topos der Literatur gelungen – ein Reisebericht über die Bibliothek der Zimmerreise, die zwar nicht an „Stubenhocker und Agoraphobe“ gerichtet ist, aber doch eher Lust auf Lese- als auf Fernreisen macht. Man möchte Blaise Pascals Diktum ins Positive wenden: Das Glück des Menschen rührt daher, dass er ruhig in seinem Zimmer zu bleiben vermag.

Bernd Stiegler: Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum.

Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2010. 288 Seiten. 22,95 €.

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