Kultur : Fremdklänge

VOLKER STRAEBEL

Hanne Darbovens einzigartige Künstlerbücher sind handgeschriebene Konvolute - voll von langen Tabellen mit Aufzählungen von Kalenderdaten, Quersummenberechnungen oder Textzitaten.Daß die Künste nicht mehr allein durch das Medium ihrer Realisation voneinander abzugrenzen sind, ist eine Erfahrung unseres Jahrhunderts.Hör- und Sehsinn aber erwiesen sich als zu unterschiedlich strukturiert, als daß über einfache Formmerkmale hinausgehende Wahrnehmungen zu erzielen wären.

Ihre Zahlenreihen überträgt Darboven daher in eine dem Notensystem angelehnte Notation."Neun Töne reichen mir, und zwar in weiß" beschreibt die Künstlerin ihr klingendes Material als die weißen Tasten des Klaviers.In diesem erschöpfte sich dann auch das Konzert mit Kompositionen Darbovens, mit dem das von Christian von Borries neu gegründete Orchester "Generation Berlin" die Reihe "Musikwerke Bildender Künstler" im Hamburger Bahnhof eröffnete.Die modale Anlage des Übersetzungsverfahrens führt zur Reduktion des harmonischen Materials auf die immer gleichen drei Dur- und drei Moll-Dreiklänge.Das Metrum verharrt im Viervierteltakt mit Punktierungen und Trommelbaß-Repetitionen.Im homophonen Satz werden in zäher Gleichförmigkeit Dreiklangsbrechungen und Tonleiterteile abgespult, Stufendynamik unterstreicht die einfache Großform.

Darbovens Musik könnte als minimalistisch überzeugen, würde nicht ihr musikalischer Mitarbeiter Friedrich Stoppa aus den visuellen Vorlagen nicht abzuleitende rhythmische Variationen, Triller und gar Terzparallelen (Streichquartett op.26) und Instrumente hinzufügen.In den hier klangsinnlich uraufgeführten Symphonien für Kammerorchester opp.38a und 38b (1991/93) verkommt so die herbe Struktur Darbovens vollends zur süßlichen barockisierenden Apotheose der Sequenz.

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