Kultur : French Kiss

Das Boston Symphony Orchestra beim Musikfest

Ulrich Pollmann

Dass die amerikanische Musikszene sich nach dem Ersten Weltkrieg weg von Deutschland und hin zu Frankreich und Russland orientiert hat, mag den der deutschen Seele in der Musik Verfallenen ja etwas befremden. Aber interessant sind die damit einhergehenden kulturgeschichtlichen Zusammenhänge allemal, die das Boston Symphony Orchestra beim „Musikfest Berlin“ eröffnet. Bis 1919 von deutsche Dirigenten (und Musikern) geprägt, wurde das 1841 gegründete Orchester fortan von frankophilen und russophilen Dirigenten geleitet, wurden Prokofjew und Strawinsky besonders gepflegt. Und der legendäre Serge Koussewitzky schrieb dann in Boston mit zahlreichen Kompositionsaufträgen Musikgeschichte. Zum Beispiel mit Ravels G-Dur Klavierkonzert.

Ob das allerdings seinerzeit derart brillant uraufgeführt wurde, wie es nun in der Philharmonie mit Pierre-Laurent Aimard erklang, ist nicht überliefert. Aimard, der sonst oft ernste und strenge Exeget Neuer Musik, entwickelt so viel Freude an der artifiziellen Leichtigkeit dieser Musik, das man das großstädtische, klassische und jazznahe Klänge atmende Flair der 30-Jahre mit Händen greifen kann. Ganz zauberhaft auch der zunächst naive und glasklare langsame Mittelsatz, den Aimard dann kühl und ungerührt in die schwülsten Farben abtauchen lässt. Und auch sonst verströmen die Bostoner unter ihrem Chef James Levine eine Aura farbenprächtiger, immer etwas distanzierter Urbanität. Ein tolles Konzert und ein substantieller Beitrag zum Festivalthema. Ulrich Pollmann

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