Kultur : Freudenfeuer der Familie

Filmfestival Cannes: Neues von Pedro Almodóvar, Ken Loach, Richard Linklater und Lou Ye

Jan Schulz-Ojala

Festivalchef Thierry Frémaux ist ein grundsätzlich gelassener Mensch. Als man ihn letztes Jahr fragte, warum im Wettbewerb immer wieder dieselben Namen auftauchen, erwiderte er, es sei eben schön, wenn die Meister immer wieder gute Filme für Cannes fertig bekämen. Und als mancher diesmal den Mangel an großen Namen kritisierte, sagte er, dann sei eben für neue Namen Platz. Wie auch sollte der Mann je aus der Ruhe zu bringen sein? Das Weltbeste kommt für Cannes immer locker zusammen.

Die Vorjahreshelden Gus van Sant, David Cronenberg, Jim Jarmusch, Michael Haneke, Wim Wenders, Atom Egoyan und Lars von Trier sind diesmal nicht dabei – macht nichts, wenn man gleich zum Start mit Pedro Almodóvar, Ken Loach und Richard Linklater glänzen kann. Das Trio mag nicht mit seinen erzähltechnisch vertracktesten, psychologisch schmerzhaftesten und thematisch innovativsten Filmen angereist sein – macht nichts, wenn man die Ergebnisse entspannten und zudem äußerst publikumsfreundlichen Wirkens besichtigen kann. Auch mit dem Weltvorzeigbarsten ist Cannes immer gut bedient.

Zum Beispiel Almodóvar: Der spanische Superstar sorgte am Freitag mit „Volver“ (Wiederkehren) für den ersten rauschenden Erfolg an der Croisette. „Alles über unsere Mutter“ könnte das Porträt dreier Generationen von Alltagsfamilienheldinnen auch heißen. Oder „Sprich mit uns“: ein Film, der heiter und zärtlich die Grenzen zwischen Leben und Tod verwischt und Hass und Entfremdung so beiläufig in Liebe aufzulösen weiß, dass einem – Hokuspokus – durch bloßes Zusehen alle Seelennarben zu verschwinden scheinen. Darf man die abenteuerlich genommenen Haarnadelkurven des Plots, das Zocken zwischen Krimi, Soap und Melodram, das in Etappen aufgelöste Geheimnis der Geschichte verraten?

Bloß nicht. Darf man schwärmen von Almodóvars sanfter Karussellfahrt zwischen Traum und Trauma, lügenreich und wahrheitsfroh und schwindelfrei? Unbedingt.

Zwei vertraute Almodóvar-Heldinnen, die strahlend alterssanfte Carmen Maura und eine fantastisch aufgelegte Penélope Cruz, sind als Mutter Irene und Tochter Raimunda Zentrum dieses fast männerlosen Films. Hinzu kommen mit Lola Dueñas und Blanca Portillo zwei wunderbare (Seelen-)Schwestern Raimundas und – als Raimundas Tochter – Yohana Cobo, die süß zu nennen eine Untertreibung wäre. Sie alle entflechten und verschließen erneut ein Familiengeheimnis und rücken dabei gänzlich kitschfrei zusammen. Feuer (eine brennende Hütte), Eis (eine nützliche Tiefkühltruhe), Wasser (ein erinnerungsträchtiger Fluss) und Wind (weht reichlich in diesen mittelkastilischen Gegenden) spielen eine Rolle, und das Drehbuch liest sich, als hätten die großen Situationstragikomiker Woody Allen und Molière ab und zu bei Rioja und selbstgezüchteten Rauchwaren mit an Almodóvars Tüfteltisch gesessen. „Volver“ ist ein Genuss ohne Reue – und dürfte demnächst beim großen Palmenwedeln an der Croisette nicht zu übersehen sein.

Solches Wohlstfühlkino, zu dem Penélope Cruz einen hinreißenden Titelsong beisteuert, steht auf einem guten Festival stets dem engagierten, gesellschaftsbewegenden Film gegenüber. Auch in Ken Loachs „The Wind That Shakes the Barley“ singt eine Frau den Titelsong, aber es ist ein Lied der Trauer. Es sind die Briten, die das von Hungersnot ausgezehrte Irland der frühen zwanziger Jahre brutal unterdrücken, bis der bewaffnete Widerstand die Unabhängigkeit erzwingt; doch weil sie mit Kompromissen verbunden ist, stürzt das Land in ein Binnengemetzel. Loach inszeniert, vor betörend grüner Landschaft, erst die Gewaltspirale und dann den Bürgerkrieg konsequent als Bruderkrieg – zwischen dem intellektuellen Idealisten (Cillian Murphy) und dem obsiegenden Realpolitiker (Pádraic Delaney). Sein erster historischer Film seit „Land and Freedom“ (1995) ist ein packendes, aus der Tragik einer Familie entwickeltes, nur kurz in die bloße Geschichtsstunde ausfaserndes Stück Kino.

Richard Linklater vergreift sich lieber, ebenso unterhaltsam, an der Gegenwart. In „Fast Food Nation“ dreht er Morgan Spurlocks Selbst(mord-)versuch „Super Size Me“ globalisierungskritisch ins kaum verhüllend Fiktive weiter. Nur futtert sich hier nicht ein Dokumentarist an Hamburgern fast zu Tode, sondern der Marketing-Vizechef einer Fresskette (Greg Kinnear) muss einem unappetitlichen Geheimnis nachgehen: Wie kommt der Kuhfladen – oder zumindest Teile davon – in den „Big One“?

Die Spur führt zu riesigen Schlachtviehknästen unter freiem Himmel, zu einer nur scheinbar vorbildlichen Fleischfabrik in Colorado, zu rechtlos lebenden Mexikanern mit Billigstjobs, schließlich zu einer rührend stümpernden Nachwuchs-NGO. Ein bisschen verzettelt Linklater sich in seinen 195 Thesen gegen den real exterminierenden Kapitalismus, brilliert aber mit einer schillernden, äußerst spielfrohen Besetzung – von Bruce Willis, Ethan Hawke, Patricia Arquette bis zu Avril Lavigne. Womit in Cannes vielleicht keine Palmentöpfe, aber reichlich neue Teilzeit-Veganer zu gewinnen sind.

Und dann kommt einer wie Lou Ye und reißt den Himmel des Kinos auf. Er dreht einen Film mit Mängeln, ein Epos, das kein Schmerzensende finden will und ihm doch zitternd entgegentaumelt, ein trauriges Heldinnenleben lang. Ein Film mit einer eigentlich unverzeihlichen Musik aus Celli und Klavier, hineinorchestriert auch noch in Liebesseufzer und -jauchzer, und plötzlich verwandelt sie sich in eine stets mitlesbare Partitur der Gefühle. Ein Film mit voice over noch und noch, mit einem Mädchen- und Frauentagebuch, ein Film, der keine Sünde und Länge des Kinos scheut und dann wieder alle Einwände aushebelt mit einer Szene, einem Bild.

„Summer Palace“, der einzige chinesische Wettbewerbsbeitrag, erzählt von der Studentin und Job- und Männerwechslerin Yu Hong (Hao Lei), die über die frühe, große Liebe ihres Lebens nicht hinwegkommt. Der schöne Zhou Wei (Gou Xiaodong), den sie 1988 in Peking im Studentenheim kennen lernt, verlässt sie und vergisst sie vielleicht und lebt ein paar Jahre in Berlin und kehrt zurück nach China, erst eher zufällig immer näher zu Yu Hong, bis sie eines Tages voreinander in einem Hotelzimmer stehen. Wie es ausgeht? Wie in diesem oder in jenem Leben.

Ob wegen des am Handlungsrand aufscheinenenden Tiananmen-Massakers oder wegen der Sexszenen: Der Film ist von der chinesischen Zensur nicht freigegeben. Cannes-Chef Thierry Frémaux könnte jetzt Skandal schreien, aber das ist nicht seine Art. Er zeigt ihn einfach, auf dem wirkungsvollsten Filmforum der Welt.

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