Kultur : Freund, Feind oder Frankfurter

Unsicher, aber höflich: deutsch-arabische Begegnungen bei der Buchmesse

Marius Meller

Auf dem Weg von Deutschland nach Arabien kommt man an einem Zelt aus Plastik vorbei. Wenn man die hundert Meter von Messehalle drei über den Vorplatz Richtung Forum geht, wo die Ausstellungen und Konferenzen zum Ehrengast Arabische Welt stattfinden, kann man eine Stippvisite bei der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG) einschieben. Das Zelt ist die Gartenpartyversion einer Beduinenbehausung. Innen ist es angenehm warm, und man steht schön weich auf Orientteppichen. Die Schuhe muss man nicht ausziehen. Männer in Schlips und Anzug, die aussehen wie die Bodyguards hinter Jassir Arafat, wenn er ein Interview gibt, bieten Tee und Broschüren an.

Was war das noch einmal für eine Gesellschaft? Genau, der schräge Lobbyisten-Klub, der 2002 in die Schlagzeilen kam, als Jürgen Möllemann seinen Anti-Friedman-Scharon-Flyer schuf. Von illegalen Waffengeschäften wurde damals gemunkelt – und dann traten plötzlich die SPD-Ehrenvorstände der DAG unter Protest zurück, kurz danach stürzte Möllemann ab.

Die neue DAG ist sehr sanft, sehr gastfreundlich. Ihre Homepage ist gar nicht sanft: Unter der Überschrift „Folter in Israels Gefängnissen – Was tut Joschka Fischer?“ werden in einem „offenen Brief“ an unseren Außenminister Israels Gefängnisse als „eines KZ durchaus würdig“ bezeichnet.

Leider geht es einem öfter so auf diesem Buchmesseschwerpunkt. Der Abendländer ist gleichzeitig Gastgeber und Skeptiker. Das führt zu einer kommunikativen Verklemmung. Ist der sympathische junge Ägypter, der sich in rudimentärem Englisch als unübersetzter Schriftsteller vorstellt, liberal oder fundamentalistisch oder beides? Und wie sollte man das herausbekommen? Vielleicht so: „Ich habe ja keine Vorurteile gegen die Arabische Welt, aber was denken Sie persönlich über Selbstmordattentate?“ Eine absurde Frage. Aber keine dumme. Denn schließlich ist die Sympathie für die „Märtyrer“ auch in der nicht-extremistisch eingestellten arabischen Bevölkerung weit verbreitet, wie „taz“-Redakteur Daniel Bax, studierter Islamwissenschaftler, erklärt.

Der syrisch-deutsche Schriftsteller Rafik Schami („Die dunkle Seite der Liebe“), der seit 30 Jahren in der Pfalz lebt, auf Deutsch schreibt und in 22 Sprachen übersetzt ist (aber nicht ins Arabische), war sehr pessimistisch, was den Ehrengast Arabische Welt der Buchmesse angeht (Tagesspiegel vom 6. 10.). Jetzt im Messetrubel ist er verhalten optimistisch: Im Windschatten der fast 200 offiziell von der Arabischen Liga eingeladenen Autoren seien über die kleinen deutschen Verlage auch oppositionelle Schriftsteller nach Frankfurt gekommen. Das sei schon mal ein Anfang. Aber die tunesische Journalistin und Menschenrechtlerin Sihem Binesedrine, die 2001 wegen ihrer Artikel zu Korruption und Folter inhaftiert wurde und jetzt in Deutschland lebt, sagt genau das Gegenteil: Die kritischen Schriftsteller seien von den arabischen Staaten nicht eingeladen worden. Am tunesischen Stand seien sogar die offiziellen Zensoren mit dabei. War der sympathische junge ägyptische Schriftsteller vielleicht auch ein verkleideter Zensor?

Was den abendländischen Literaten im Mikrokosmos der Buchmesse so verunsichert, entspricht dem Makrokosmos der bundesdeutschen Außenpolitik: Sind die Geheimdienstinformationen so genau, dass die Politiker einschätzen können, welches Regime man fördern kann und welches nicht mehr? Jordanien ja, aber Syrien nicht? Auf der diesjährigen Buchmesse jedenfalls bekommt man eine Ahnung von den Untiefen der Diplomatie.

Der deutsch-iranische Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani („Vierzig Leben“) vermittelt zwischen den gegensätzlichen Aussagen: Gar nicht so wenige der im Westen durchgesetzten kritischen Schriftsteller seien doch gekommen, Adonis, Mahmud Darwisch oder Tahar Ben Jelloun. Manche offiziell über die Arabische Liga, und manche eben über die Messe oder die Verlage. Darwisch erklärte öffentlich, dass er sich nicht zu den Liga-Autoren rechne. Kermani hält die Verständigungsbemühungen in den Debattenforen für weniger wichtig. Wichtig sei, das Interesse und die Kenntnis für arabische Literatur zu wecken, die Ahnungslosigkeit der Abendländer zu überwinden. Und hierfür sei diese Buchmesse ein wichtiger Schritt.

Auch Safuat Abanelata ist Ägypter. Aber kein Autor oder Zensor, sondern Kellner. Er bedient im Arabien-Forum im Restaurant, das auch drei arabische Gerichte bereithält. Am Nebentisch sitzt Cola trinkend eine Gruppe Saudis in voller Beduinenmontur. Safuat lebt seit zehn Jahren in Deutschland und spricht gut Deutsch. Er ist zuversichtlich, was die Verständigung zwischen Orient und Okzident angeht. Aber es ärgere ihn, dass sich seine arabischen Brüder und Schwestern in der Frankfurter Kantine wie westliche Touristen in Kairo benehmen. Da wo er aufgewachsen ist, in einer ägyptischen Kleinstadt, geht alles ganz easy. Heute seien die Araber genauso schwer zu bedienen wie die Abendländer.

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