Kultur : Freund in der Wüste

MARION AMMICHT<p>O U

"Eine staubige, langsame Autofahrt ohne erkennbares Ziel." Irgendwo hier muß es gewesen sein. Auch damals, als sie mit zusammen mit Musa vorbei an Radlern, Tierherden, durch Wüstengegenden und Oasen übers Land gefahren ist, hat Bettina Haasen im Auto geschrieben. Fünf Jahre später ist die Deutsche, inzwischen dreißig Jahre alt, wieder in Niger. Nichts als ihre Notizen, ein Foto von seinem schönen, kantigen Gesicht und ihre Erinnerung sind ihr von Musa geblieben. "Vielleicht ist es Fernweh, vielleicht die Sehnsucht, immer wieder fremd zu sein, und neu anzufangen. Vielleicht Liebe oder Freundschaft." So genau weiß die zierliche, dunkelhaarige Deutsche das auch nicht. Nur, daß sie Musa wiedersehen will.

Der Mann, den die deutsche Regisseurin gemeinsam mit Ahija und Aissa, zwei afrikanischen Freunden und Marcus Winterbauer, dem Kameramann, sucht, ist Nomade, irgendwo im Nordosten von Niger. Da könne sie genauso gut eine Nadel in einem Wasserloch suchen, meint der Chefsekretär im Verkehrsministerium für Verkehr und Straßenbau. Doch der Minister selbst ist komplett aus dem Häuschen, läßt ausrichten, daß er nicht einmal für den Präsidenten zu sprechen ist, weil er jetzt der Deutschen ein Interview gibt. Und sogar London ist am Telefon. Die BBC gibt eine Suchmeldung durch und berichtet täglich über den neuesten Stand. Was für eine seltsame, sentimentale Geschichte!

Bald fiebert das ganze Land - gebeutelt von rebellischen Aufständen, Hitze, Hunger und Durst - bei der Suche mit. "Ich werde die Neuigkeiten für dich erfragen", sagt einer im bunten Getümmel des Wochenmarkts, auf dem die Filmemacherin erfährt, daß Musa inzwischen mit zwei Frauen verheiratet ist, von denen ihm eine einen Sohn geboren hat. "Ich möchte auch von dir gesucht werden", sagt ein anderer lachend und neidisch am Ende, nachdem im Radio zu hören war, daß die Deutsche "ihren" Nomaden gefunden hat.

"Zwischen zwei Welten" heißt Bettina Haasens poetischer Dokumentarfilm über die Reise in ihre eigene Erinnerung. Noch hat er keinen Verleih, ist aber derzeit täglich in der Debüt-Reihe "noch zu haben" in den Hackeschen Höfen zu sehen. Wirkt das Unternehmen, die Suche nach dem verlorenen Freund, zu dem die Deutsche fünf Jahre keinen Kontakt gehabt hat, am Anfang noch merkwürdig konstruiert, so ziehen einen Haasens assoziative, subtile Erzählweise und ihre unsentimentale, suggestive Bildsprache immer mehr in Bann. Und bald wird klar, daß das alles andere als eine sentimentale Geschichte ist: gesprungene Fensterscheiben, kreischende Seilwinden, die sichtbare flirrende Hitze und die ewige Suche nach Wasser verweisen auf die inneren und äußeren Grenzerfahrungen, denen alle Beteiligten ausgesetzt sind. Da sind auch die Strapazen, deren alleiniger Motor die Sehnsucht nach einem Zuhause auf Zeit ist - irgendwo, zusammen mit anderen, im Schatten verdorrter Wüstenbäume. Vielleicht ist die Wiederbegegnung mit dem Nomaden Musa auch gar nicht das Ziel dieser Reise. Vielleicht ist es die Erkenntnis der jungen Deutschen, daß sie in der Welt, in die sie so erwartungsvoll aufgebrochen ist, immer Fremde bleiben wird.

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