Kultur : Freund Schiller

Theatertreffen Berlin mit Mannheims „Wallenstein“

Jan Oberländer

Wenn man ihn aufschneiden würde, sagt Friedemann Gaßner, würde es ihn nicht wundern, wenn man in seiner Bauchhöhle ein zusätzliches Organ entdeckte. Seine „Schiller-Niere“. Seit Gaßner sich durch das Auswendiglernen von „Wallenstein“ aus einer Lebenskrise gerettet hat, ist er Schiller-Fan, verleibt sich dessen Verse förmlich ein. Der Elektromeister macht gleich zu Beginn der Mannheimer „Wallenstein“-Adaption, die im Hebbel am Ufer zu sehen war, klar: Die alten Dramen leben. In der Gesellschaft. In uns.

Die Regisseure dieser bisher aufregendsten Inszenierung des Theatertreffens, Helgard Haug und Daniel Wetzel, sind zwei Drittel des Theaterkollektivs Rimini Protokoll. Ihrem dokumentarischen Ansatz gemäß stellen sie echte Menschen auf die Bühne, allesamt Profis auf ihren Gebieten, nur eben: keine Schauspieler. Hagen Reich, ein ehemaliger Zeitsoldat, demonstriert das sichere Durchqueren eines Minenfelds, jede gefundene Mine markiert er mit einem signalgelben Reclamheft. Genauso funktioniert der Abend. Die Geschichten der Mitwirkenden legen sich über Schillers Stück. Und die Analogien sind, trotz der Freiheiten, die Haug und Wetzel sich nehmen, frappierend. Und greifbar.

Da ist der Mannheimer Stadtrat Dr. Sven-Joachim Otto, der Oberbürgermeister werden wollte und der von seinen eigenen Parteigenossen als Kandidat erst aufgebaut und dann politisch ermordet wurde, so wie Wallenstein von seinem Kaiser. Otto wirkt wie der perfekte Schwiegersohn, und wenn er von seinen Versuchen erzählt, mit Freibier und Familienfotos beim Wahlvolk zu punkten, ist das zwar lustig. Otto ist aber trotzdem keine Witzfigur, dazu zeigt seine „Staatskunst“ viel zu deutlich, dass es um Ehrgeiz geht und um Macht.

Kein Führer ohne Geführte. Seien es die Schlachtenbummler des SV Waldhof Mannheim, der ehemalige Flakhelfer Robert Helfert oder die Vietnam-Veteranen Darnell Summers und Dave Blalock. Immer geht es um Loyalität. In Vietnam wurden über 1000 amerikanische Offiziere von ihren Untergebenen getötet, auch Blalocks Kommandeur hatte eines Nachts eine Handgranate unter dem Kopfkissen. Wer führt hier eigentlich wessen Krieg?

Weiterhin treten auf: die staatlich geprüfte Astrologin Esther Potter, die wie Wallensteins Sterndeuter Seni Politikerschicksale deutet, der ehemalige Oberkellner Wolfgang Brendel, der tafelnden Ostblockfürsten den O-Saft reichen durfte, und der Ex-Vopo Ralf Kirsten, der sich anders als Max Piccolomini für seine ausreisewillige Freundin und gegen das Staatsamt entschied. Diese Motivüberschneidungen von Weimar bis Vietnam sampeln Haug und Wetzel zeitübergreifend in das Drama hinein. Sie schaffen zwei, drei, viele Wallensteins, die Assoziationsräume mit einer ganz eigenen, irritierenden Authentizität eröffnen. Und das ohne falsche Echtheitsversprechen, wie sonst im Theater.

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