Kultur : Freundliche Aliens zwischen den Kathedralen

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Von Michaela Nolte

Den Dialog von Kunst und Architektur, den die Ausstellungsreihe „Rethinking: Space, Time, Architecture“ beflügeln will, betreibt Heimo Zobernig als heiteres Spiel von These und Antithese. Mit „Pauhof Architekten“ hat der Wiener Künstler einen kongenialen Dialogpartner gefunden. „Im Gegensatz zu vielen Kollegen zählen wir die Architektur nicht zur Kunst“, lautet ein Statement von Wolfgang Pauzenberger und Michael Hofstätter, dem Zobernig lapidar entgegnet: „Im Gegensatz zu vielen Kollegen zähle ich die Architektur zur Kunst“. Das schwebende Modell eines Pauhof-Wohnhauses wird in der Galerie Anselm Dreher (Pfalzburger Straße 80) mit einer Zobernig-Stele aus weiß lackiertem Pressspan konfrontiert, dessen unterer Rand den Blick auf das povere Material freilegt. Der labile Zustand des Funktionellen trifft auf die Solidität des Ideellen.

Mit ihrer ironischen Dialektik sticht die österreichische Trias in das Wespennest zweier Lager, die an praktischen und theoretischen Elementen einiges gemein haben, und sich dennoch stets an dem anderen stoßen. Anlässlich des 21. Internationalen Architekturkongresses (UIA) kann man an rund 60 Kooperationen überprüfen, ob der interdisziplinäre Versuch innovative Reibungsflächen und ein Neudenken von „Raum, Zeit, Architektur“ anregt, mit dem der Schweizer Siegfried Giedion 1941 die theoretischen und historischen Grundlagen des „Neuen Bauens“ etablierte.

Nicht nur das von Krisen gebeutelte Bauwesen scheint um neue Ansätze bemüht; denn seitens der hiesigen Galeristen genoss die Initiative Architekten Steffen Lehmann und Caroline Raspé‚ unerwarteten Zulauf. Einige Galerien warten mit wahrhaft spektakulären Projekten auf, die den Rahmen privater Galerien fast sprengen und den hiesigen Institutionen gut anstünden. Doch nicht zuletzt die Hoffnung auf neue Auftraggeber setzt Energien und Risikobereitschaft frei.

Ik-Joong Kangs „Bridges-Interspace-Sky“, das der in New York lebende Koreaner mit dem Büro 213 konzipiert hat, vereint nicht nur östliche und westliche Traditionen, sondern verbindet die zwei Treppenhaustürme der Galerie Prüß & Ochs (Sophienstraße 18) in zwanzig Meter Höhe mit einer begehbaren Brücke. Nicht minder beeindruckend ist Colin Ardleys und Hermann Scheidts „Marking Time and Territory“ in der St. Elisabethkirche (Invalidenstraße 3). Die Konstruktion zwischen architektonischer Plattform und freier Skulptur verdichtet den Genius Loci der Schinkel-Ruine, die seit der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg einer neuen Bestimmung harrt. Der schottische Künstler und der Berliner Architekt nutzen die Zwischenzeit für einen Denkraum, den eine ebenso funktionale wie ästhetische Rampe umrahmt. Als der Sponsor für das Projekt der Galerie Markus Richter absprang, tauschten Ardley und Scheidt kurzerhand edles, gefärbtes Glas gegen eine schlichte Holzkonstruktion, die dem Rohzustand der Kirche gerade mit gebührendem Respekt begegnet.

Fließende Übergänge von Kunst und Architektur werden in der Installation „Stadtoberfläche São Paulo“ von Cida de Aragon sinnenhaft erfahrbar. Auf einen Vorhang, der die Galerie Eigen & Art (Auguststraße 26) in zwei Segmente trennt, projiziert die brasilianische Künstlerin Fotografien urbanistischer Ballungsgebiete. Das raumbildende Element ist gleichsam Bildträger, Projektionsfläche und interaktives Medium. Der Besucher kann durch die Silhouette von Megalopolis ein- und ausgehen und wird so zum integralen Bestandteil einer ebenso faszinierenden wie entmenschlichten Welt.

Ernst Blochs Postulat, dass Architektur der „Produktionsversuch menschlicher Heimat“ sei, scheint in den Bildern von Aragon obsolet zu sein. Tobias Hauser hat im Blochschen Sinne die Holzhütte Henry David Thoreaus rekonstruiert, in deren Einsiedelei der amerikanische Idealist 1845 sein berühmtes Essay „Walden“ verfasste. Hausers in Kooperation mit der Galerie Zwinger entstandenes „Walden am Leipziger Platz“ wirkt in der Blickachse zu Helmut Jahns Sony Center und Hans Kollhoffs Debis-Backstein-Hochhaus wie ein freundliches Alien zwischen den Kathredralen des „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ (Heinrich Klotz). Thoreaus reduziertes Urhaus gegen das „rastlose, nervöse, geschäftige, triviale neunzehnte Jahrhundert“ erscheint in der städtebaulichen Realität bis heute aktuell.

Jenseits der Schubladen von Kunst und Architektur steht Carsten Sievers mit beiden Beinen fest zwischen den Disziplinen. In der Galerie Paula Böttcher (Kleine Hamburger Straße 15) präsentiert der Künstler-Architekt ein Beckettsches Szenario, in dem sich der „bürgerliche Turm“ selbst zum Einsturz bringt. „Wir reden uns im Autodialog zu Tode und kommen nicht mehr zum Handeln“, so Sievers. Anschaulich wird die selbstreflexive und radikale Position in filigranen, Raum evozierenden Objekten und Zeichnungen. Sie bieten der intellektuellen Abstraktion einen sinnlich-ästhetischen Rahmen in Form von „Erinnerungswerkzeugen“.

Franka Hörnschemeyer hat mit der Architektin Birgit Hansen ein fiktives wie funktionales Raster entwickelt, das sich wie eine Reminiszenz an Giedions Ideal der „durchlässigen Wand“ ausnimmt. Die hintersinnige „Büroauflösung“ ist in der Galerie Kapinos (Gipsstraße 3) zu sehen. Mirjam Kuitenbrouwer und das Architektur-Team „Observatorium“ lösen die Grenzen von öffentlicher und privater Sphäre vollständig auf. Die holländische Künstlerin hat ihr Atelier in eine Landschaft aus Bruchasphalt verlegt, der von einer Baustelle in die Galerie „Wohnmaschine“ (Tucholskystraße 35) transportiert wurde. Besucher können Kuitenbrouwer beim Bau ihrer fantastischen Hausobjekte beobachten, die aus alten Kameras entstehen – eine camera obscura der besonderen Art.

Kernzeit der Ausstellungen: 20. bis 30. Juli, 11-19 Uhr; 24. Juli Rundgang von 17-23 Uhr. Das Begleitbuch ist im Jovis-Verlag Berlin erschienen und kostet 25,80 Euro.

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