Kultur : Freundliche Übernahmen

Der Künstler Dennis Loesch kapert die Galerieräume von Jan Winkelmann

Birgit Rieger

An der Tür klebt ein Schild mit der Aufschrift „Dennis Loesch, Berlin“. Drinnen feiern die Gäste. Berlins neue Kunstmeile, die Brunnenstraße, ist um eine Galerie reicher geworden: Der Künstler Dennis Loesch hat die Räume seines Galeristen Jan Winkelmann gekapert. Zur Eröffnung seiner neuen Fake-Galerie am gestrigen Freitag blieb Loesch, der vor ein paar Monaten von Frankfurt nach Berlin zog, seiner künstlerischen Praxis treu und setzte multiples Vergnügen aufs Programm. Mit dreckigen Schuhen den Teppichboden ruinieren? Ja, bitte. Die Kunstwerke ignorieren? Nur zu. Es gibt sowieso nichts zu sehen und Zeit bleibt auch nicht viel, denn in der „Freitagsküche“, dem zweiten Ort dieses Abends, ein von Dennis Loesch und seinem Frankfurter Künstlerkollegen Michael S. Riedel ins Leben gerufenes Privatrestaurant, dampfen schon die Suppenschüsseln.

Dopplungen sind auf Loeschs künstlerischer Agenda ein wichtiger Punkt. Und so kam es ihm sehr gelegen, dass er kurz vor der Ausstellungseröffnung bei Winkelmann einen neuen Raum für die „Freitagsküche“ fand, in der Weydinger Straße, direkt hinter der Volksbühne. Ein Abend, zwei Eröffnungen, alles dicht beisammen, schnell, wild, funky. So funktioniert der Kunstbetrieb. Durch Wiederholung und Imitation von Ausstellungen, Konzerten und Clubabenden, versuchten Dennis Loesch und Michael S. Riedel schon in ihrem legendär gewordenen Frankfurter Projektraum „Oskar-von-Miller-Straße 16“ diesem System aus Hypes und Moden auf die Schliche zu kommen.

„Neueröffnung, Neueröffnung“ hat Loesch seine zweite Einzelausstellung bei Jan Winkelmann genannt. Dass er nun selbst zum Schein Galerist wird, findet der 27-Jährige konsequent. „Seit 2004 sammle ich schließlich Original-Kleidersets von Galeristen, Kritikern und Museumsdirektoren“, sagt er. Indem er jetzt die Seiten wechselt, schlüpft er sinnbildlich in die zusammengetragenen Kleider. In der Galerie hat er die Möbel von der Wand gerückt und ein paar Lampen herausgeschraubt. Auf diese kleinen Gesten kommt es bei ihm an. Neue Schrankknäufe, frei gelegte Steckdosen. Loeschs Prinzip ist es, mit dem Vorgegebenen zu arbeiten. Seine Kunst bedient sich typischer Funktionen digitaler Technik: Kopieren, Ersetzen, Einfügen, Speichern. Doch Loesch arbeitet nicht mit Dateien, sondern mit der Realität. Außerdem ist der schlanke Blonde mit der großen schwarzen Brille selbst zu sehr Stilikone, als dass man ihn mit einem Programmierer verwechseln könnte. Schwarz-weiß ist ein Gestaltungsprinzip an dem Loesch schon in der Oskar-von-Miller-Straße festhielt. Nun ließ er in der Galerie von Jan Winkelmann einen weißen Teppich verlegen. Der wölbt sich zickig über den Boden und stülpt sich über Treppenvorsprünge. Wer in den nächsten sechs Wochen zur Tür hereinkommt, wird sich mit seinen winternassen Schuhen automatisch darauf verewigen. Am Ende soll der Bodenbelag mit den schmutzigen Fußspuren stückweise als Gemälde verkauft werden (ab 720 Euro für ein Format von 30 mal 30 Zentimeter). Die Bildgröße bestimmt der Käufer. „Die Auflösung der Autorenschaft ist mir sehr wichtig“, sagt Loesch, der schon deshalb auf Kooperationen setzt. Wie schon in der Oskar-von-Miller-Straße wird er den Raum in der Weydinger Straße zusammen mit Michael S. Riedel als Küche, Atelier und Projektraum nutzen. Und ähnlich wie in Frankfurt wollen die beiden auch in Berlin mit der Stadt und der hiesigen Kunstszene experimentieren.

Im Jahr 2000 entdeckte Dennis Loesch, damals gerade frisch an der Städelschule eingeschrieben, ein Abrisshaus in der Oskar-von-Miller-Straße im Frankfurter Ostend. Dort mietete er zusammen mit Riedel einen Raum und die beiden zeigten abgefilmte Andy-Warhol-Filme oder kopierten Clubabende oder Künstleraktionen. Die „filmed films“ und „clubbed clubs“ erfreuten sich großer Beliebtheit. Besonders Künstler, die im nah gelegenen Portikus ausstellten, konnten sich nie sicher sein, dass sie und ihre Arbeiten nicht in der Oskar-von-Miller-Straße wiederholt und modifiziert wurden. Simon Starling, Rirkrit Tiravanija und Jason Rhoades sorgten im Abrisshaus für viel Spaß, während die Künstler manchmal gar nichts davon bemerkten. Loesch und Riedel hatten einen Raum initiiert, in dem sie mit Freunden aus der Modeszene und Bekannten von der Städelschule feiern konnten. Ein Raum wie die legendäre Factory von Warhol, das ist ein Traum von damals, den Loesch heute nicht mehr träumt. Zu tief steckt er jetzt selbst drin in dieser Szene aus Kunststars und Kunstmachern.

„Zweimal haben wir das Ende der Oskar-von-Miller-Straße vorweggenommen, bevor sie wirklich abgerissen wurde“, erzählt Loesch auf dem Weg zu seiner Berliner Galerie. Für die Art Frankfurt beispielsweise ließen die beiden das Gebäude komplett nachnähen. „Die Oskar-von-Miller-Straße gibt’s nicht mehr. Das Gute daran ist, dass ich daraufhin entscheiden musste, ob ich nach Düsseldorf, Berlin oder sonst wo hingehe“, sagt Loesch und tritt sich vor der Galerie in der Brunnenstraße brav die Füße ab. Die Spuren auf dem Teppich sollen schließlich die Gäste hinterlassen.

Galerie Jan Winkelmann, Brunnenstraße 185 HH, bis 3. März; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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