Kultur : Freut euch des Lebens!

Kerstin Decker

Haben wir nicht schon eine neue Leitkultur? Sie ist schwul-lesbisch. Grenzenlos, tabulos, bindungslos(er) - ein wenig schamlos auch? Die geschlechtliche Neigung eines Menschen im Vordergrund des Ichs, der Sexus als allgegenwärtige Definitionsfläche.

Man nennt sie Drag Kings. Frauen, die zu Männern werden. Aber was an "VenusBoyz" von Gabriel Baur fasziniert, ist, dass das sonst übermächtig Sexuelle im schwul-lesbischen Film beinahe in den Hintergrund tritt. Und der Blick fällt auf das, was wir sonst selten in dieser Eindringlichkeit wahrnehmen - dass wir alle, auch die langweiligen Durchschnittsheterosexuellen, mannweibliche Mischwesen sind. Und dass, was Menschen interessant macht, gerade aus diesem Mischungsverhältnis kommt. Darum sind "Supermänner" nur ein anderer Name für abgründige Belanglosigkeit.

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Unsere Oberfläche deckt normalerweise diese Tiefenspannung. Aber was ist mit denen, die sie mit ihrem ganzen Körper austragen, ohne sich für eines ihrer Ichs ganz entscheiden zu können? Gabriel Baur hat mit den Frauen gesprochen, die Männer wurden. Manche nur für ein paar Abende, andere fürs ganze Leben. Frauen, die man auch außerhalb der Shows, in denen sie auftreten, längst als Männer wahrnimmt. Vor unseren Augen geschieht die Verwandlung. Und man sieht, was die Frau-Geborenen längst von sich wissen - als Mann können sie mehr bei sich sein. Plötzlich ist ihre Aggressivität, ihre Unbeherrschtheit, ihr Gang ein positiver Wert. Solcherart Selbstbegegnungen bleiben anderen versagt.

Und dann begegnen wir im Hochland von Burma seltsamen Brüdern der Drag Kings. "Friends in High Places" von Lindsey Merrison. Sie nennen sich nicht Drag Kings oder Drag Queens, sondern Nats und sind in höherem Auftrag unterwegs. Im Auftrag der Geister. Sie sind deren Medien, tragen Namen wie "Herr Berühmt", "Herr des weißen Pferdes" oder "Herr der neun Städte" und die Burmesen achten ihr offenkundiges Schwulsein und die Neigung zu grellstem Flitterwesen als spirituelle Qualität. Weder die Generäle der landeseigenen Militärdiktatur noch Buddha, offizieller religiöser Schirmherr der Nation, haben diesem seltsamen Kult bisher etwas anhaben können.

"Friends in High Places" ist die faszinierende Beobachtung einer durchaus parasitären Kaste, die desto besser lebt, je übler es dem Durschnittsburmesen geht. 37 Nats können doch nicht untätig zuschauen, wenn Burma untergeht, ist die Überzeugung vieler Burmesen. Aber der Film ist sensibel genug, solche groben Wahrheiten nicht auszusprechen. Er überläßt sich ganz den Selbstdarstellungen der Nats, er liegt gleichsam auf der Lauer: Was wissen diese merkwürdigen Geschöpfe von sich selbst? Ist ihre Inszenierung Zynismus oder genießen hier ein paar Lebemänner einfach ihr Schwulsein unter den Augen einer Militärdiktatur, ausgehalten vom Volke?

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