Freya und Helmuth James von Moltke : Die Kreisauer

Weltlicher Gleichmut: Zwei Biografien und ein Briefband über das außergewöhnliche Ehepaar Freya und Helmuth James von Moltke.

Hannes Schwenger

Am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem Attentat Stauffenbergs auf Adolf Hitler, liest Freya von Moltke im schlesischen Kreisau in der Zeitung vom Scheitern des Anschlags und der Verhaftung des Familienfreunds Peter Yorck van Wartenburg. Ihre Mutter Ada fragt besorgt: „Betrifft dich das?“

Das war nichtsahnend gefragt und doch ahnungsvoll gesagt. Denn dieser Tag wird Freya von Moltkes Leben ändern und das ihres Mannes kosten. Helmuth James von Moltke war zwar an der Planung und Ausführung des Anschlags nicht beteiligt, sondern seit Monaten im KZ Ravensbrück in Untersuchungshaft wegen des Verdachts, einen Bekannten vor der Gestapo gewarnt zu haben. Aber jetzt erfuhr die Gestapo durch die Verhöre der Männer des 20 Juli, dass sich ein größerer Kreis von NS-Gegnern wiederholt auf Moltkes Gut Kreisau getroffen und über ein Deutschland nach Hitler beraten hatte. Das war, aus der Sicht des nunmehr zuständigen Volksgerichtshofs unter seinem Vorsitzenden Roland Freisler, Hoch- und Landesverrat, auf den die Todesstrafe stand. Helmuth von Moltke wurde nach Berlin-Tegel überstellt, in das „Totenhaus“ des Regimes, in dem bereits die Todeskandidaten des 20. Juli einsaßen, und noch im Januar 1945 hingerichtet. Nicht einmal Freisler konnte ihm ganz den Respekt versagen, als er ihm zugestand: „Herr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: Wir verlangen den ganzen Menschen.“

Was die Nazis nicht wussten und nie herausfinden sollten: Der Gefängnisgeistliche Harald Poelchau in Tegel, der die Häftlinge betreute und bis zu ihrer Hinrichtung begleitete, war selbst Teilnehmer des Kreisauer Kreises gewesen und vermittelte zwischen September 1944 und Januar 1945 den geheimen Briefwechsel zwischen Freya und Helmuth von Moltke, der nun erstmals vollständig in einer Ausgabe vorliegt, die mit dem besten Grund und Recht ihm und seiner Frau Dorothee gewidmet ist. Bisher waren nur zwei Abschiedsbriefe bekannt, die ein anderer Familienfreund, der Berliner Verleger Karl Heinz Henssel, 1951 veröffentlicht hat. 1988 und 2009 folgten dann Helmuth von Moltkes Briefe an seine Frau vor der Haft und aus der „Schutzhaft“ im KZ Ravensbrück. Die Geheimkorrespondenz aus dem „Totenhaus“ hielt Freya von Moltke als ihr persönlichstes Gut zurück, das erst nach ihrem Tod 2010 in den Besitz des Deutschen Literaturarchivs Marbach gelangte und nun zu ihrem 100. Geburtstag am 29. März die Öffentlichkeit erreicht.

Dazu erscheinen auch zwei Biografien Freyas, nachdem ihrem Mann und seiner Familie seit 1972 bereits vier Biografien gewidmet wurden. Freya von Moltke selbst hat sich – wie die anderen überlebenden Ehefrauen der „Kreisauer“ – zwar als Mitglied, aber nicht als Planungsbeteiligte der Männer des Widerstands in deren politischen und militärischen Funktionen verstanden. Die einzige Ausnahme war Margarete von Trotha – geborene von Moltke – als wirtschaftspolitische Expertin des Kreises. Und doch wurde Freya von Moltke, wie ihre Biografin Frauke Geyken mit einem Zitat Clarita von Trotts bemerkt, nach 1945 zur „Botschafterin des Widerstands“, die das Vermächtnis von Kreisau bis ins 21. Jahrhundert weitertrug. Noch 2004 errichtete sie, inzwischen 93-jährig, die „Freya-von- Moltke- Stiftung für das neue Kreisau“ als deutsch- polnische und europäische Begegnungsstätte in Krzyzowa (vormals Kreisau), deren Schirmherr der Bundespräsident ist. In ihr vereint sich das geistige Erbe Helmuth von Moltkes mit den Ideen ihres zweiten Lebensgefährten Eugen Rosenstock-Huessy, dem nach Amerika emigrierten Lehrer Helmuths, dem sie 1960 in die USA folgte. Trotzdem schrieb sie ihm 1957: „Du weißt es ja, dass ich Helmuths Freya bin und bleibe.“

Das wird jeder verstehen, der die symbiotischen Briefe des Ehepaars Moltke zwischen Kreisau und der Todeszelle in Tegel in die Hand nimmt. Aus ihnen spricht nicht nur ein gelebtes Christentum, das noch dem glaubensfernsten Leser Respekt abnötigt, sondern auch ein weltlicher Gleichmut, der sich dem Tod gewachsen zeigt. Daraus spricht so viel Stärke Moltkes, die sich seiner Frau mitteilt, so dass sie die Ablehnung eines Gnadengesuchs durch den Gestapochef im Reichssicherheitshauptamt, Heinrich Müller, kommentiert: „Gut so …, denn mit denen gibt es keinen Kompromiss!“

Beide Biografinnen – Frauke Geyken und Sylke Tempel – werden dem Lebensweg dieser starken Frau auf ihre Weise gerecht, Frauke Geyken in einem auf neuen Quellen wohlfundierten Porträt, Sylke Tempel in einem frisch skizzierten, farbigen Lebensbild, das die Empathie seiner Leserinnen gewinnen will. Wer mehr will, halte sich an die Briefe.

Helmuth Caspar von Moltke und Sylke Tempel stellen ihre Bücher am 31. März um 20 Uhr in der Buchhandlung Hacker & Presting in Berlin vor (Leonhardtstr. 22, Anmeldung unter 32702014).

Helmuth James und Freya von Moltke, Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. Hrsg. von Helmuth Caspar von Moltke und Ulrike von Moltke. C.H. Beck, München 2011. 608 Seiten, 29,95 Euro.

Frauke Geyken: Freya von Moltke. Ein Jahrhundertleben 1911-2010. C.H. Beck, München 2011. 288 Seiten, 19,95 Euro.

Sylke Tempel: Freya von Moltke. Ein Leben. Ein Jahrhundert. Rowohlt Berlin, Berlin 2011. 222 Seiten, 19,95 Euro.

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