Frida-Kahlo-Ausstellung : Spuren der Kunst und Weltgeschichte

Die Berliner Kahlo-Retrospektive bereitet ein Fest für Frida. Was in Mexiko bleibt, sind die Häuser ihres Lebens.

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Reproduktion eines Fotos der mexikanischen Malerin Frida Kahlo.
Reproduktion eines Fotos der mexikanischen Malerin Frida Kahlo.Foto: dpa

Längst ist die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo eine Ikone ihres Landes – und weltweit eine Symbolfigur weiblicher Kreativität und eines leidenschaftlichen, von Leiden, Lieben und Freiheitssehnsucht gezeichneten Lebens. Frida, wie alle Welt sie heute meist nur noch beim Vornamen nennt, Frida hätte man im Berliner Martin-Gropius-Bau gerne schon zu ihrem 100. Geburtstag 2007 eine Retrospektive gewidmet. Aber da wollten sie die Mexikaner selber ehren und ihre Bilder nicht hinausschicken.

Dafür kommt Frida nach Berlin jetzt aus doppeltem Anlass: Vor 200 Jahren wurde Mexiko unabhängig, und vor 100 Jahren gab es die mexikanische Revolution. Wegen dieses Ereignisses hat die in Kunst und Leben auf ihre Weise revolutionäre Frida das eigene Geburtsdatum später von 1907 ins Jahr 1910 verlegt, womit es noch einen imaginären weiteren Grund zum Feiern gibt. Einen wahren Kunst-Geburtstag.

Ausstellung: Frida Kahlo
Der Berliner Martin-Gropius-Bau widmet der mexikanischen Malerin Frida Kahlo (1907-1954) eine Ausstellung. Mit rund 150 Gemälden und Zeichnungen ist es die bisher größte in Deutschland gezeigte Retrospektive der Künstlerin.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: AFP
29.04.2010 14:02Der Berliner Martin-Gropius-Bau widmet der mexikanischen Malerin Frida Kahlo (1907-1954) eine Ausstellung. Mit rund 150 Gemälden...

In Berlin und im Herbst als zweite Station dann in Wien werden nun 60 der insgesamt knapp 150 erhaltenen Gemälde und etwa 90 Zeichnungen zu sehen sein, darunter die Bilder der beiden größten mexikanischen Kahlo-Kollektionen, die Sammlung Olmedo und die Sammlung Gelman, erstmals komplett und vereint unter einem Dach. Was in Mexiko geblieben ist? Natürlich die beiden gemeinsamen Häuser Fridas und ihres Ehemannes Diego Rivera, des berühmten Revolutions-Wandmalers und berüchtigten, von Frida doch nie ganz zertrennlichen Weiberhelden.

Dorthin pilgern die Mexikoreisenden aus aller Welt. Das erste Muss ist dabei die legendäre Casa Azul, das Blaue Haus im bis heute noch fast beschaulichen Stadtteil Coyoacán im Süden der 20-Millionen-Stadt Mexico City. Hier, in der einstigen Vorstadt, wurde Frida geboren, hier steht noch ihr Sterbebett im ersten Stock und gleich nebenan auch der altmexikanische Steintopf, der als Urne Frida Kahlos Asche enthält. 1954 endete ihr – seit einer Polioerkrankung als Kind und einem sie als Achtzehnjährige innerlich zerfetzenden Verkehrsunfall – zur Passion, zur Leidenschaft gewordenes Leben. Doch in dem blau gestrichenen Haus, das Fridas ursprünglich aus Süddeutschland stammender Vater, der Fotograf Guillermo (Wilhelm) Kahlo, kurz vor Fridas Geburt für die Familie erbauen ließ, lebt viel mehr fort als nur der „Geist“ der späteren Hausherrin. Die Casa Azul heißt heute zwar „Museo Frida Kahlo“. Aber das von Frida und Diego Rivera mehrfach umgebaute und für Gäste erweiterte Anwesen mit seinem für Diegos antike mexikanische Skulpturensammlung genutzten, gartengleichen Innenhof, zeugt noch immer vom einstigen Leben. Und Sterben. Dies freilich mit der mexikanischen Farbenfreude und vitalen Lust, die noch Totengedenktage zu skurrilen Festtagen werden lässt.

Vom Erdgeschoss mit der von leuchtend bunter, bemalter Keramik geschmückten Küche geht man ins Obergeschoss mit dem noch fast original erhaltenen Atelier. Eine Staffelei am Schreibtisch zeigt ein angefangenes letztes Selbstporträt, daneben an Fridas Rollstuhl montiert eine zweite Staffelei mit dem ebenfalls unvollendeten Bildnis eines scheel blickenden Stalin – und nahebei zwischen Stiften, Tuben, Pinseln, Vitrinen und Regalen mit Varia und Kuriosa über Diego Rivera auch Fridas Skizze der Freiheitsstatue vor New York. Eine bunte, manchmal rührende Mischung: wie die Galerie von Heiligenbildern und Mao- und Marxköpfen, die mehrsprachige Bibliothek mit Dichtung, Kunstgeschichte und auch aktueller Historie („El Crimen de Nuernberg“ findet sich da beispielsweise, eine Studie über die Nazikriegsverbrecherprozesse).

Auf ihrem Bett Fridas Totenmaske und das Kopfkissen bestickt mit gelben Lettern: „No Me Olivides / Amor Mio“, das Vergissmeinnicht ihrer Liebe. Dazu Spiegel, ein bemaltes Korsett als einer der Panzer für Fridas versehrten Leib, und hinterm Bett lehnt die Prothese für ihr kurz vorm Tod amputiertes rechtes Bein: mit einem knallroten, am Fuß noch eigens bemalten Lederstiefelchen. Als wär’s ihr Schuh zum letzten Tanz.

Spuren der lokalen Zeit- und Weltgeschichte sieht man auch im unweit gelegenen Haus von Leo Trotzki. Auf der Flucht vor Stalin wohnte das Ehepaar Trotzki zuerst als Gäste Fridas und Diegos in der Casa Azul; dann bezog der vertriebene russische Revolutionär (und wohl kurzzeitige Liebhaber Fridas) Ende der ’30er Jahre ein von Wachtürmen und Mauern umfasstes Anwesen, wo ihn Stalins Häscher dennoch im August 1940 ereilte. Die Wohnräume und das von staubigen russischen Zeitungen dominierte Arbeitszimmer, der Ort des Attentats, sehen noch immer so authentisch aus, als sei Trotzki vor 80 Jahren nur eben mal ausgegangen.

Fast schon ein Geheimtipp, weil viel weniger besucht, ist gleichfalls im Süden Mexico Citys im Stadtteil San Ángel (einer Art von lateinamerikanischem Zehlendorf) das Atelierhaus, das sich Diego und Frida von dem Architekten und Künstlerfreund Juan O’ Gorman bauen ließen. Dort hat das Paar für einige Jahre gelebt und gearbeitet, bis Frida wegen Diegos ständiger Frauenaffären 1940 endgültig zurückzog in die Casa Azul. In der aus zwei Kuben im Bauhausstil entworfenen hochmodernen Konstruktion hatten beide ihre getrennten Sphären, verbunden nur durch einen waghalsig wirkenden Eisensteg. Für die eiserne Liebe.

Während das Atelier des 1957 verstorbenen Rivera noch original eingerichtet ist, sieht man weniger auf Fridas Hausseite – aber immerhin die in einem ihrer originellsten Gemälde (mit dem Kamerablick auf die eigenen Füße im Wasser) verewigte Badewanne. Dieses Bild wird nun auf den Schauplatz projiziert. Und hier hat zuletzt Hollywood gedreht, mit Salma Hayek als filmverewigter Frida.

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