Frida Kahlo : Blicke unter den Lidern

Bilder, Briefe, Tagebücher: Neues zum 100. Geburtstag von Frida Kahlo.

Peter von Becker
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Frida Kahlo (1907-1954)Foto: dpa

So viel scheint schon gesagt, erforscht, erhellt vom wilden wehen Leben der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (siehe Tsp vom 30. 6.). Aber an ihrem heutigen 100. Geburtstag lacht sie vielleicht aus der Hölle, wo bekanntlich die Gesellschaft besser ist, oder vom Himmel, wo der Vorzug dem Klima gilt, lacht und ruft ihren Fans ungefähr das zu, was der sinistre Künstlerkollege Maurice Sendak einmal formulierte: „Es muss im Leben noch mehr als alles geben!“

Dieses wahre Motto gilt bei den weltweiten Frida-Feiern nicht nur für Museen und Galerien. Es gibt für die Ikone der neueren Frauenbewegung (und vieler bewegter Männer) auch einen reich gedeckten Büchertisch. Also liegt selbst das große Kahlo-Kochbuch aus: mit 145 angeblich authentischen Rezepten jener legendär frugalen Koch-Künstlerfeste, von denen in Fridas Geburts- und Sterbehaus im Stadtteil Coyoacán von Mexiko City immerhin noch die mit selbstbemalten Kacheln farbenreich geschmückte Küche und der prachtvolle Essraum zeugen („Mexikanische Feste. Die Fiestas der Frida Kahlo“, Kaleidoskop Buch, Sonderpreis 9, 95 €).

Die beiden Standardwerke sind freilich Hayden Herreras seit 25 Jahren bahnbrechende Biografie „Frida Kahlo. Ein leidenschaftliches Leben“ (jetzt als Knaur-Taschenbuch für 9, 95 €) und ihr gut kommentiertes Werkverzeichnis „Frida Kahlo – Die Gemälde“; dieses enthält zudem viele Fotografien, Zeichnungen, Tagebuch-Faksimiles und korrespondierende Illustrationen, unter anderem von Fridas Ehemann, dem mexikanischen Großkünstler, National- und Frauenhelden Diego Rivera (Schirmer/Mosel Verlag, 24, 80 €).

Kahlos Bilder und Herreras Biografie gleichsam von innen nacherzählt und weiterempfunden hat nun die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic in ihrem „Roman“ genannten Buch „Frida“ (Zsolnay Verlag, 17, 90 €). Erst kürzlich hatte die vor allem mit ihren Untersuchungen zum Balkankrieg klug und mutig hervorgetretene Autorin in einem Zeitungsaufsatz bekannt, dass sie mit einer fremden Niere lebt. Offenbar ist sie von Frida Kahlos in fast allen Bildern beschworenem körperlichen Martyrium und dem seelischen, auch erotischen Überlebenskampf der Mexikanerin aus naher Ferne attrahiert worden.

Noch näher aber kommt man der nach Unfällen, medizinischen Martern, leidenschaftlichen Amouren und einem im Krankenbett begonnenen autodidaktischen Weg in die Weltkunst 1954 gestorbenen Frida durch die eigenen Aufzeichnungen und Briefe. Überhaupt müsste spätestens jetzt die letzte Entdeckung oder besser noch Anerkennung der Autorin Frida Kahlo gelten. Schon die Zitate in den Büchern der Kunsthistorikerin Hayden Herrera verweisen auf Fridas außerordentliches Schreibtemperament. Das sticht auch hervor in dem schönen Text-Bildband von Salomon Grimberg „Ich werde Dich nie vergessen... – Frida Kahlo und Nickolas Muray“ (die Originalausgabe bei Schirmer/Mosel vertreibt jetzt Frölich & Kaufmann für 19,80 €). Der amerikanische Fotograf Muray war, neben der Lebensliebe Diego Rivera, einer von Kahlos intimsten Vertrauten und hat von der oft Fotografierten um 1940 die wohl einzigen Farbaufnahmen gemacht; in ihren bunten Tehuana-Trachten und mit ihrem oft extravaganten Schmuck erweist sich Frida als denkbar pittoreskes Motiv.

Ihre innersten eigenen Motive offenbaren jedoch vor allem die von Raquel Tibol herausgegeben über 130 Kahlo- Briefe (bei Schirmer/Graf in mehreren Auswahl-Editionen) sowie das Ende Juli mit ausführlichstem Kommentar erscheinende hochpoetische Mal- und Tagebuch, das Frida in ihren letzten zehn Lebensjahren führte: „Blicke, die ich sage“ (übersetzt und begleitet von Renate Kroll im Berliner Reimer Verlag, 29, 90 €). Der deutsche Titel verdankt sich dabei Fridas Notiz-Gedicht: „Ein Vergessen der Wörter wird die / richtige Sprache bilden, um / die Blicke unserer / geschlossenen Augen zu verstehen.“

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