Kultur : Friede den Palästen

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Christine Lemke-Matwey liest, was

die Zeitgenössische Oper Berlin an

Klaus Wowereit schreibt

Am Anfang war alles gut. Ein respektables Gutachten, Konzeptförderung bis 2006, 511000 € jährlich - die Zeitgenössische Oper Berlin, die selbstbewussteste der musikalischen Off-Bühnen, hätte ihr Schaf im Trockenen gehabt. Aber auf dem Fuße folgten, Berlin bleibt eben Berlin, die komplette Streichung der Mittel, Proteste, Vertröstungen: Durch Umschichtung im Kulturhaushalt, so die SPD, werde eine Lösung gefunden. Wie diese ausgesehen hätte, ist nun in einem Offenen Brief nachzulesen, den Andreas Rochholl, der Künstlerische Leiter der Zeitgenössischen Oper, Anfang der Woche an Klaus Wowereit schrieb: „Am 5. Juni bekam ich einen Anruf von Herrn Georg Vierthaler, dem geschäftsführenden Direktor der Staatsoper. Er teilte mir mit, dass Herr Bernd Mehlitz von der Senatsverwaltung ihn angerufen habe mit der Bitte, die Staatsoper möge einen Solidarbeitrag von 255 000 € leisten, damit noch ein Teil der Konzeptförderung für die Zeitgenössische Oper finanziert werden könne. Das Gespräch schloss mit dem Hinweis, dass die Staatsoper dazu nicht bereit sein wird.“

Wie bitte? Intendant A ruft Intendant B an, um sich mal eben über etwaige Restgelder zu verständigen? Kulturpolitik ist, was die Betroffenen so untereinander regeln? „Von Senator Dr. Thomas Flierl erfuhr ich am 7. Juni, dass der Intendant der Staatsoper Herr Peter Mussbach diesbezüglich bereits telefonisch mit Rücktritt gedroht hatte. An diesem Tag beschloss der Hauptausschuss dann, die Zeitgenössische Oper Berlin komplett aus der Konzeptförderung zu streichen.“ Ein schwächelnder Kultursenator, eine SPD, die umfällt - und eine Staatsoper, die sich an ihrem Speck lieber selber satt frisst. Krieg den Hütten, Friede den Palästen? „Der Eindruck liegt nahe, dass die Angst vor einer Auseinandersetzung mit der Staatsoper um 255 000 € größer ist, als die Sorge um die politische Verlässlichkeit der regierenden Mandatsträger und die Existenz der Zeitgenössischen Oper Berlin. Es ist ein fatales, aber vielleicht gewolltes kulturpolitisches Signal, wenn (...) die Staatsoper gegen die Zeitgenössische Oper Berlin ausgespielt wird“ Der Politik bleibt, um diese „kulturdarwinistische“ Scharte wieder auszuwetzen und der Zeitgenössischen Oper im Wort zu bleiben, eine letzte Galgenfrist: Am 27. und 28. Juni wird der Haushalt 2003/2004 abschließend beraten. Wenn die Abgeordneten mutig sind, dann lassen sie sich Rochholls Offene Worte auf ihre Stirnen brennen - und gehen dem Regierenden Bürgermeister so lange nicht aus den Augen, bis etwas geschieht: „Bitte leiten Sie endlich die notwendigen Schritte für eine nachhaltige Opernreform in Berlin ein, denn auch die nächste Generation hat ein Recht auf eine Sinn stiftende Berliner Opernlandschaft. (...) Der willkürliche Umgang mit dem Gutachtervotum hat weit über Berlins Grenzen hinaus (...) Aufsehen und Empörung erregt und wird das Vertrauen in die Kompetenz Berliner Kulturpolitik nachhaltig belasten.“

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