Kultur : Frieden schlachten

Wie „Dear Wendy“ Amerikas Waffenwahn kritisiert und ihm doch verfällt

Jan Schulz-Ojala

Irgendwie tragisch: Zehn Jahre nach der Gründung von „Dogma“, der unerhört ergiebigen letzten Frischzellenkur der Filmkunst, stecken dessen Protagonisten im Thesenkino fest. Lars von Trier, der Kopf der Bewegung, traktiert seine Gemeinde mit Lehrstücken, die von der Verführbarkeit der Gutmenschen zum Bösen („Dogville“) bzw. der Nichtverführbarkeit der Primitiven zur Kultur („Manderlay“, demnächst im Kino) handeln – der letzte Teil seiner amerikakritischen Trilogie ist für 2007 angekündigt. Stets geht mit der holzschnittartigen Moral der Wille zur ästhetischen Askese einher, gerade so, als könne ernsthaftes Denken nur im Labor gedeihen. „Dogma“ verpflichtete sich nur zu technischer Selbstbeschränkung – und ließ seine Stoffe umso lebendiger hervorleuchten. Heute dagegen regiert das pure Exerzitium.

Thomas Vinterberg, der mit „Das Fest“ (1998) das unübertroffene dramaturgische und ästhetische Manifest der „Dogma“-Bewegung schrieb und drehte, ist – nach dem missglückten Kontrast-Abenteuer „It’s All About Love“ (2002) – in die Zuchtstube seines Lehrmeisters zurückgekehrt. Mit „Dear Wendy“ verfilmte er ein Drehbuch, das Lars von Trier ursprünglich selbst umsetzen wollte; nun ist Vinterberg gewissermaßen dessen ausführender Regisseur.

Nicht nur, dass – diesmal im Studio in Kopenhagen und auf einer Zeche in NRW – ein fiktives amerikanisches Bergarbeiterstädtchen namens Estherslope nachgestellt ist (schon „Dogville“ siedelte an einer Rocky-Mountains-Mine); nicht nur, dass dessen Hauptplatz Electric Park Square mehrfach Gegenstand einer akribisch angefertigten Skizze wird („Dogville“ und „Manderlay“ sind nicht mehr als Kreidezeichnungen in einer leeren Halle); nicht nur, dass ein penetranter Off-Kommentar die Handlung immer wieder überwölbt; es ist vor allem die antiamerikanische Moral dieses von US-Wimpeln durchwehten Films, die ganz in Trier-Manier eine einzige Idee immer wieder von neuem durchbuchstabiert. „Waffen bringen Unheil in die Welt“, heißt es einmal. „Nur Menschen mit niederer Gesinnung tragen Waffen.“ Und wieder werden Gutmenschen – hier sind es ein paar junge Pazifisten, die niemals auf Menschen schießen wollen – zwangsläufig zu Bösen.

Sie heißen Dick und Stevie, Susan, Huey und Freddie, und sie sind, weil sie nicht in der Mine arbeiten, die jungen Loser von Estherslope. Sie nennen sich Dandys, und ihre Parallelwelt im stillgelegten Stollen erinnert ein bisschen an Alex’ Gang in Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“. Nur dass sie mit ihren Pistolen namens Wendy, Bad Steel, Lee, Lyndon und Woman ganz bestimmt nur spielen wollen – und nebenbei ihre Minderwertigkeitskomplexe und die Einsamkeit vertreiben. Doch bald bekommt Jamie Bell, der den Anführer Dick spielt, jenes böse Alex-Augenfunkeln, und ein Unheil nimmt seinen knarrenden Lauf. Weil einer alten Dame unbeschadet ein Päckchen Kaffee über den – stets friedlich daliegenden – Stadtplatz gebracht werden soll, sichern die Dandys den Weg ballistisch professionell und fordern damit das Gewaltmonopol des Sheriffs (Bill Pullman) und seiner eilig herbeigerufenen Kohorten heraus. Die Folge: Scharfschützen auf dem Förderturm, Showdown, Schlachtefest des Pazifismus.

Manches in „Dear Wendy“ – die Pumpgun der schwarzen Oma; das Missverständnis, das Susan dazu bringt, Dick ihre Brüste zu zeigen – ist gewiss satirisch gemeint. Nur: Ins Komische fügt sich das nicht, vom Tragischen ganz zu schweigen. Die Helden dieses Films sind bloß Spielfiguren, Marionetten einer schnell schockgefrorenen Idee.

Doch es gibt Hoffnung für das Kino des Thomas Vinterberg, abseits von Klaustrophobie und Paranoia. Manchmal scheint, anders als zuletzt in Lars von Triers Hallen-Dramen, eine echte Sonne in „Dear Wendy“. Wichtiger noch: Vinterberg will wieder einen Film in der Art von „Das Fest“ drehen. Ein hohes Risiko – schließlich hatte Vinterberg damit einen geradezu erschlagenden Hit gelandet. Aber er muss wohl zum „Fest“ zurück, um es hinter sich zu lassen. Am besten wär’s, er geht allein.

Hackesche Höfe (OmU), Kulturbrauerei, Moviemento, neue Kant-Kinos

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