Kultur : Friedensnobelpreis: Ein guter Freitag

Stephan-Andreas Casdorff

Ein Satz, der Bände spricht, eine Reaktion, die viel über ihn sagt. Der Nobelpreis, erklärt Kofi Annan kurz nach dem Telefonanruf aus Oslo offiziell, sei eine "große Ermutigung für die Arbeit der gesamten Organisation für den Frieden". Das ist Annan: Er hebt sich nicht heraus, sondern ordnet sich ein. Und hebt damit seine Politik umso besser hervor.

Leise ist die Stimme, leise sind seine Töne. Aber sie hören ihm zu, die Regierenden der versammelten Staaten dieser Welt. Gerade war Gerhard Schröder bei ihm, zum Gespräch nach dem Anschlag von New York. Seine Meinung, seine Mahnungen, Annan hat sie nicht öffentlich gemacht; aber intern war hinterher zu erfahren, dass der Generalsekretär der Vereinten Nationen den Bundeskanzler beeindruckt hat.

Nun ist es ja auch so: Keiner nutzt die begrenzten Möglichkeiten der UN besser, Einfluss zu nehmen. Annan, der in Kumasi in Ghana geboren wurde, hat am East River seine berufliche Laufbahn begonnen. Als Verwaltungsbeamter. Er ist der Erste aus ihren Reihen, der es in dieser Organisation auf den höchsten Posten gebracht hat. Und gerade ist der 63-Jährige wiedergewählt worden - ohne Einspruch. Wenn das kein Erfolg ist.

Manche Fehden sind befriedet. Besänftigt ist das schrille Verhältnis zwischen dem Generalsekretär der UN und der Regierung der USA, vergessen unwürdige Gezerre mit dem Vorgänger, Boutros Boutros Ghali aus Ägypten. Denn in jedem Falle würdig ist Annans Auftreten, seine Ausstrahlung. Und des Nobelpreises würdig erschien den Juroren seine Politik: zurückhaltend, aber zäh.

Der Respekt für den Generalsekretär hat sich auf die Organisation übertragen. Sie gewinnt an Autorität, wird wenigstens wieder gefragt, manchmal sogar um Rat - seit Annan. Das ist fast schon revolutionär. Er sei nie einseitig, das wird als seine Stärke beschrieben, und nie nur ausgleichend, etwas, das als Schwäche ausgelegt werden könnte. Er lockt die USA klug mit Hinweisen auf ihren Wert für die Weltgemeinschaft - und kann sie darum besser als andere kritisieren, wenn sie den UN ihren Tribut nicht zollen.

Kompliment der besonderen Art

Inzwischen aber ist dafür eine Lösung gefunden, ein neuer Finanzschlüssel, und selbst der harte, alte, konservative US-Senator Jesse Helms hat Annan zuletzt gelobt. Für Insider ist das ein Kompliment der besonderen Art. Das er sich redlich verdient hat. Der studierte Ökonom, der seinen Abschluss als Magister am renommierten MIT in Boston machte, hatte bei Amtsantritt 1997 als Erstes begonnen, die verkrusteten UN-Strukturen zu verändern. Diese Veränderung hat er unter das Leitmotiv einer "stillen Revolution" gestellt - und sie seinerzeit mit einem Paukenschlag begonnen: Annan drängte 23 hohe Beamte der Organisation zum Rücktritt. Mit Erfolg.

Nicht nur Helms mag Männer, die sich Bürokratien nicht geschlagen geben. Annan hat wohl etwa 50 Prozent seiner Pläne verwirklicht. Die Zahl der UN-Bediensteten insgesamt sinkt, die Zahl der Frauen in Verantwortung steigt. Der Etat hat enge Grenzen. Annan zieht Managementstrukturen ein, stärkt die Eigenverantwortung, nutzt das Internet, sucht die Unterstützung der Wirtschaft. Und sein Kampf geht weiter.

Deutliche Worte

Auch der für den Weltfrieden. Da kann Kofi Annan Ermunterung vertragen. Denn er hat viele Erfahrungen gesammelt: Bosnien, Kosovo, Somalia, Nahost, Libyen, Irak - entweder war er als Vermittler selbst beteiligt, oder aber er hat Vermittlungsbemühungen als Untergeneralsekretär für Friedenssicherung koordiniert. Immer wieder gab es ein kurzes Innehalten, Etappensiege, aber nicht solche Erfolge, wie sie sich, zum Beispiel, mit Javier Perez de Cuellar aus Peru verbinden: das Ende des Krieges zwischen Iran und Irak oder die Unabhängigkeit Namibias.

Was Annan ganz besonders schmerzen wird, ist die Lage in Afrika. Aids und Armut, dazu Konflikte in Sierra Leone, Guinea, Angola, alle ungelöst. In der Westsahara konnte nicht einmal James Baker, der frühere amerikanische Außenminister unter George Bush senior, der Annans Vermittlungsbitte folgte, etwas ausrichten. Für die wirtschaftliche Misere hat Annan vor den afrikanischen Staatschefs sehr deutliche Worte gefunden.

Doch zeichnet ihn aus, dass er nicht aufgibt. Kleine Schritte auf großen Konferenzen, so geht Annan vor. Im Gespräch bleiben mit den Menschen, ob Globalisierungsgegner oder Global Player, das ist seine Marschroute. Bei neuen Initiativen zeigt er Geschick. Und bei manchem Vorstoß Mut: Im Namen der Menschenrechte, sagte Annan 1999, müssten militärische Interventionen nach vorheriger Autorisierung durch den UN-Sicherheitsrat möglich sein. Und mit einer Resolution im Sicherheitsrat ist vor kurzem die Bekämpfung des Terrors anerkannt worden. Die Staaten hätten "Völkerrechtsgeschichte" geschrieben, wie Schröder sagt. Ihnen half nicht zuletzt Annans Diplomatie.

Sein Vorname Kofi bedeutet: "Der Sohn, der am Freitag geboren wurde." Er sei, sagen sie in Ghana stolz, der größte Sohn ihres Landes. Nun ist Annan an diesem Freitag vor aller Welt geehrt worden. Und reagiert persönlich auf den Telefonanruf aus Oslo so: "In meinem Beruf gibt es so gute Nachrichten eher selten. Wenn so früh das Telefon klingelt, dann gibt es meistens schlechte Nachrichten." Sagt das nicht alles?

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