• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels : Die Hölle

11.10.2012 00:00 Uhr
In der Fremde. Liao Yiwu reiste 2011 nach Berlin aus. Bei seiner Ankunft streckte er die Zunge heraus, „um die Luft zu schmecken, sie war süß. Die Luft der Freiheit ist süß.“Bild vergrößern
In der Fremde. Liao Yiwu reiste 2011 nach Berlin aus. Bei seiner Ankunft streckte er die Zunge heraus, „um die Luft zu schmecken, sie war süß. Die Luft der Freiheit ist süß.“ - Foto: dapd

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu erhält am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er war lange inhaftiert und lebt im Exil. Jetzt erscheint seine Chronik der Opfer vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Er habe, schreibt der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Liao Yiwu, nach seiner Flucht aus China bei seiner Ankunft in Berlin „die Zunge herausgestreckt, um die Luft zu schmecken, sie war süß. Die Luft der Freiheit ist süß.“ Obwohl zu Hause in China ein belesener Mann – seine Freunde vom Platz des Himmlischen Friedens nennen ihn respektvoll oder ironisch „Herr Lehrer Liao“ –, kann er kaum Alfred Anderschs Bericht von seiner Flucht als deutscher Deserteur 1945 gekannt haben. Der endet mit der Beschreibung der ersten in Freiheit gepflückten Kirschen: „Ich aß ein paar Hände voll. Sie schmeckten frisch und herb.

So also schmeckt die Freiheit überall auf der Erde: süß, frisch und herb. Und die Unfreiheit: bitter. Liao Yiwu, 1958 in der Provinz Sichuan geboren und in den Wirren der Kulturrevolution aufgewachsen, hat die bitterste Unfreiheit in vier Jahren Haft mit schweren Misshandlungen erlebt, weil er die Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit seinem Gedicht „Massaker“ in das ewige Gedächtnis der Weltliteratur eingeschrieben hat. Seine Begegnungen mit den Opfern des Massakers, ihren Familien, den „Müttern vom Tiananmen“ und seine eigenen Hafterfahrungen ließen ihn zum Chronisten der chinesischen Tragödie werden, die – wie der deutsche Juni von 1953 – noch nach Jahrzehnten Tabu im eigenen Land bleiben sollte. Dagegen hat Liao Yiwu in zwei großen Büchern angeschrieben, seinem eigenen Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen „Für ein Lied und hundert Lieder“ (Hongkong 2000; deutsch 2011 im S.-Fischer-Verlag) und seiner jetzt erschienenen Sammlung von Gesprächen mit Überlebenden des Tiananmen-Massakers und der Terrorjustiz, deren Opfer sich die justizielle Beschimpfung als „Rowdys“ zum Ehrentitel gemacht haben.

Sie im Untergrund aufzuspüren und zum Sprechen zu bringen, war nicht leicht. „Wir Rowdys“, sagt der als Maler des Massakers allen vertraute Künstler Wu Wenjian, „gehen in der Regel unsere eigenen Wege, auch wenn wir in der gleichen Stadt leben, wir bekommen uns kaum zu Gesicht.“ 14 von ihnen hat Liao Yiwu mit seiner Hilfe aufgespürt und befragt, auch sich selbst als fünfzehnten unter seinem Decknamen Lao Wei („alter Wei“), den er für die Niederschrift der Interviews wählte. Mit ihnen und der von den „Müttern des Tiananmen“ gesammelten Liste von 202 bekannten (unter bis zu 3000 unbekannten) Todesopfern des Massakers im Anhang des Buches ist er zum Chronisten dieser chinesischen Tragödie geworden.

In einem der Interviews erwähnt Liao Yiwu beiläufig die Ähnlichkeit seiner Erfahrungen mit Solschenizyns Berichten aus dem Archipel Gulag. Beiläufig wohl aus Bescheidenheit, nachdem er vor seiner Verhaftung schon über 20 offizielle Literaturpreise erhalten hatte und mit seinem verbotenen Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser – Chinas Gesellschaft von unten“ (deutsch 2009) auch im Ausland auf sich aufmerksam gemacht hatte. Damit war er, wie Solschenizyn, zum Dissidenten gestempelt, nur dass ihm nicht einmal eine legale Ausreise, sondern nur die Flucht (2011 über Vietnam) möglich wurde.

Die Details der Zeugenberichte vom Tiananmen und des anschließenden Justiz-, Gefängnis- und Lagerterrors sind zu zahlreich und grausam, um hier aufgefächert zu werden, auch wenn Liao Yiwu selbst fast versöhnlich einräumt, zumindest die Polizei sei mit der Zeit bei Durchsuchungen und Festnahmen „von Mal zu Mal zivilisierter“ vorgegangen. Von der Justiz wird man das kaum behaupten können, wenn Yang Wei – als 17-jähriger Student verhaftet und wegen Erfindung eines fiktiven „Chinesischen Bündnis für Demokratie, Sichuan“ angeklagt – in der Untersuchungshaft schwer misshandelt und im Schnellverfahren ohne eigenes Gehör zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

Übrigens ein mildes Urteil statt der sogenannten „drei großen“ Strafen Tod auf Bewährung (Umwandlung in lebenslänglich), lebenslänglich und 20 Jahre. Seine Verhandlung schildert Yang Wei so: „Eigentlich hatte ich mir genau zurechtgelegt, was ich vor dem Gericht sagen wollte, aber da war kein Gericht, das letzte Wort wurde von einem Sekretariat gesprochen. Die Urteilsbegründung lag längst auf dem Tisch, der Richter nahm sie in die Hand, überreichte sie mir und sagte, ich solle mich trollen. Als ich das nicht tat, hob er mit beiden Händen einen Aktenstoß und schlug ihn mir auf den Kopf.“

Das war – verglichen mit den übrigen Haftberichten – noch die harmloseste Art von Schlägen bei Verhören, Verhandlungen und im Strafvollzug. Mehrfach wird von Folter mit Elektrostäben, Aufhängen an den Füßen und in Handschellen, Tritten in die Geschlechtsteile, Prügeln bis zur Bewusstlosigkeit und Terror durch kriminelle Mithäftlinge berichtet. Meist folgte die verordnete „Umerziehung“ durch Zwangsarbeit und nach der Entlassung der freie Fall in den Untergrund der Gesellschaft, ohne Arbeit, ohne Wohnung und mit schweren psychischen Haftschäden.

Fast alle Befragten berichten von sexuellen Problemen, anfänglicher Impotenz und bleibenden Depressionen. Li Honqi, der 1989 erst 21 Jahre alt war und als Busschaffner in die Straßenkämpfe geraten ist, kann bis heute nicht über die sexuellen Quälereien in der Haft und ihre fortdauernden Folgen reden.

Zu 20 Jahren verurteilt und 2004 vorzeitig entlassen, habe er sich dem Leben im neuen China nach Deng Xiaoping „mehr schlecht als recht angepasst und kann noch eine Weile auf unserer lieben schönen Welt weitermachen. Aber viel wichtiger ist, dass unsereins noch lebt! Wir leben wie die Schweine, aber wir leben! Aber was uns von den Schweinen unterscheidet, wir haben ein Gedächtnis!“

Dieses Gedächtnis hat jetzt einen Namen: Liao Yiwu.

Sie wollen wissen, was in Berlin läuft? Gönnen Sie sich an jedem Werktag 5 Minuten Lesespaß! Geben Sie hier einfach Ihre E-Mail-Adresse an, um den Newsletter ab morgen zu erhalten.

  • Berlin to go: täglicher Newsletter
  • morgens um 6 Uhr auf Ihrem Handy
  • von Chefredakteur Lorenz Maroldt
weitere Newsletter bestellen Mit freundlicher Unterstüzung von Babbel

Alle Folgen von Jam’in’Berlin

Tagesspiegel twittert

Weitere Themen aus der Kultur

Service

Alle Tickets für Berlin und Deutschland bequem online bestellen!

Tickets hier bestellen | www.berlin-ticket.de