Kultur : Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: Sprache der Unbeugsamkeit

Gregor Dotzauer

Sie wäre, erklärte Assia Djebar in der Frankfurter Paulskirche, "gern als einfache Schriftstellerin aufgetreten, die aus Algerien kommt, einem Land des Aufruhrs und der Zerrissenheit". So aber müsse sie fürchten, unter dem symbolischen Gewicht des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ins Wanken zu geraten. Es war nicht nur eine Demutsgeste. Denn tatsächlich geht es, ohne dass man die Verdienste des jeweiligen Preisträgers in Frage stellen dürfte, oft auch um das Begleichen einer Schuld. Die Auszeichnung des Historikers Fritz Stern im letzten Jahr war der Versuch, etwas von der Verstörung wieder gut zu machen, die Martin Walser ein weiteres Jahr zuvor bewirkt hatte. Und das Augenmerk für Autoren aus Regionen, zu denen Deutschland nur ein schwach ausgeprägtes Verhältnis hat, entspringt der Mühe, die falsche Selbstgewissheit zu bekämpfen, wo das Zentrum des Denkens und wo die Ränder anzusiedeln seien. Auch Algerien ist für viele nur ein weiterer Ort des Schauderns vor blutigen Fernsehbildern. Es gibt nicht viele Preisträger, bei denen weltliterarische Statur und moralische Autorität so glücklich zusammenspielen wie bei Assia Djebar - vor allem, weil die Verbindung im Innersten ihres Werks angelegt ist. Sie hat ein einzigartiges Gespür für das Materielle, das Leibhaftige, das noch vor jeder Bedeutung Liegende von Sprache selbst. Und sie kann über das komplexe Verhältnis von Schweigen, Sprechen und Schreiben in einer körperlich erfahrenen Weise reflektieren, die sonst oft nur als philosophische Marotte wirkt.

Assia Djebar, die skeptische Muslimin, die Algerierin in Paris, ist ein Gast in der französischen Sprache, der Sprache ihres Denkens und Schreibens, der Sprache der Kolonisatoren, der Sprache der Freiheit. Zu Hause aber ist sie im Arabischen, ihrer Muttersprache, von der sie sagt, es sei für sie die "Sprache der Liebe, des Leidens und auch des Gebets". Und aus der Ferne ihrer Kindheit dringt überdies das Berberische zu ihr, eine Sprache, die sie nicht spricht, deren Klang sie aber aufgesogen hat. Sie ist ihr die nächste geworden: die "Sprache der Unbeugsamkeit", wie sie Djebar in ihrer Dankesrede (nach einer glänzenden Laudatio von Barbara Frischmuth) nannte. Eine Sprache, die ein "dauerhaftes innerliches Nein hervorbringt: Es erscheint mir als Fundament meiner Persönlichkeit und meiner literarischen Dauerhaftigkeit". Zentrum und Rand, Nähe und Ferne, Drinnen und Draußen: Assia Djebar verschiebt die Perspektiven ihrer auf Erinnerung wie auf Recherche gegründeten Romane ständig. Sie will Zwiesprache halten mit den Toten und doch "keine wortreiche Inschrift auf einer Grabplatte" verfassen. Sie will "die klare, zerbrechliche Kraft des Schreibens" üben im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass die Literatur den Tod nicht widerruft. Weniger noch: "Das Blut trocknet nicht in der Sprache". Wozu dann ihre Bücher? "Schreiben", sagt Djebar, "ist ein Tanz mit Phantomen, und solange man selbst lebt, durchströmt einen das Bedürfnis zu erzählen als einziger Antrieb. Es ist nicht einmal mehr die Sprache, sie könnte formlos werden. Der rote Faden der Erzählung hält einen aufrecht, der Wille, etwas zu sagen, oder der ungebärdige Wunsch, nicht zu vergessen. Manche würden sagen, der Stahl des Widerstands."

Djebar schärft ihn im Bewusstsein, den Kampf als Frau zu führen, "die bleierne Stummheit der algerischen Frauen spürbar zu machen, die Unsichtbarkeit ihrer Körper". Auch das muss man als unmittelbare Erfahrung verstehen. Denn für Assia Djebar ist die "allererste der Freiheiten die Freiheit, sich zu bewegen, die immer wieder überraschende Möglichkeit, über sein Kommen und Gehen zu bestimmen".

Und sie beschreibt den einem literarischen Erweckungserlebnis gleichenden Luxus, Anfang der Fünfziger Jahre anonym durch die Straßen wandern zu können: "als Passantin, als Schauende, als verhinderter Junge". Ein bewegendes Plädoyer für das "Urteil der Frauen", ohne das es keine Befreiuung vom fundamentalistischen Terror gibt. Es ist gut zu wissen, dass sie schon bei der weiblichen Imaginationskraft beginnt.

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