Kultur : Friedenspropaganda

Fulminant restauriert: Michael Powells Klassiker „The Life and Death of Colonel Blimp“ im SPECIAL.

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In Martin Scorseses Oscar-Anwärter „Hugo Cabret“ verhilft ein zwölfjähriger Waisenknabe dem vergessenen Stummfilmpionier Georges Méliès zum Comeback. Scorsese selbst wiederum hat dem vergessenen britischen Farbfilmpionier Michael Powell zu einem Comeback verholfen. Derselbe Martin Scorsese, der Menschen im Kugelhagel sterben lässt und sich an zerfetzten Körpern delektiert, betreibt hingebungsvoll die Restaurierung von Filmen. Immer an seiner Seite: Thelma Schoonmaker, die bereits drei Oscars für den besten Schnitt erhalten hat und für „Hugo“ wieder nominiert wurde.

In Schoonmakers Anwesenheit wurde im Kino International ein Meisterwerk vorgestellt, dessen geringer Bekanntheitsgrad sich nicht erklären lässt – ganz zu schweigen von dem Ärgernis, dass weitere Vorführtermine ausbleiben. „The Life and Death of Colonel Blimp“, im Spätsommer 1942 begonnen und am 10. Juni 1943 in London uraufgeführt, gilt als der „Citizen Kane“ des britischen Kinos, wie Rainer Rother in seiner Einführung betonte. Für die 72-jährige Schoonmaker war die Restaurierung eine Herzensangelegenheit: von 1984 bis zu seinem Tod 1990 war sie mit Powell verheiratet.

Da das Original Schimmel angesetzt hatte, mussten eine halbe Million Einzelbilder bearbeitet werden. Schon nach den ersten Minuten des Films versteht man die Bereitschaft zu dieser mühevollen Arbeit. Jede, wirklich jede Einstellung des 163-minütigen Epos wirkt kostbar. Künstlichkeit und Realismus, statische und rasante Momente, Slapstick, Romantik, Tragik, alles kommt vor und ist perfekt dosiert. Allein als Stilübung wäre „The Life and Death of Colonel Blimp“ sehenswert. Aber der Film verblüfft noch aus einem anderen Grund: Während deutsche Bomben auf England fielen, appellierten Powell und sein Co-Regisseur Emeric Pressburger an die Völkerverständigung – selbst mit Deutschland. Natürlich nicht mit Nazi-Deutschland. Aber ein Leitmotiv ist das Plädoyer für diplomatische Lösungen im Krieg.

Über einen Zeitraum von vierzig Jahren erzählt der Film die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem britischen und einem deutschen Offizier. Der Deutsche heißt Theodor Kretschmar-Schuldorff und wird mit formvollendeter Eleganz von Adolf Wohlbrück verkörpert, der sich im britischen Exil Anton Walbrook nannte. Zwei Sequenzen ragen heraus. Das Fechtduell in einer Berliner Turnhalle, bei dem die beiden Männer sich kennenlernen. Detailversessen werden die Vorbereitungen geschildert. Als die Säbel endlich zum Einsatz kommen, schwenkt die Kamera einfach weg, sie verabschiedet sich durch eine Dachluke. Beeindruckend auch eine Montage, die den Lauf der Zeit illustriert. Der britische Offizier hat 1902 den Kopf eines erlegten Tieres an der Wand hängen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr Köpfe, bald ist die Zimmerwand voll, die Musik klingt zunehmend dissonant, bis ein Untertitel verkündet: „Flandern 1918“.

Winston Churchill hasste den Film und hätte am liebsten seine Aufführung verhindert, aber selbst im Krieg fehlten ihm dazu die Befugnisse. Und das britische Publikum war begeistert von diesem Hohelied aufs Fairplay. „Es gibt keine Schurken bei Powell“, erklärt Thelma Schoonmaker, „und es gibt kein Schwarz und Weiß. Es gibt nur die Grauzone. Wie bei Scorsese.“ Recht hat sie. Auch wenn es angesichts der betörenden Farben schwerfällt, das Wort „Grauzone“ auszusprechen.Frank Noack

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