Kultur : Friedhoftheater

Spielzeit Europa: Genets „Wände“ als Puppenspiel

Andreas Schäfer

Es war ein mächtiger Skandal, als Jean Genets „Die Wände“ – in den Fünfzigerjahren während des Algerienkrieges geschrieben und unter der Regie von Hans Lietzau im Berliner Schlossparktheater uraufgeführt – 1966 endlich in Paris gezeigt wurde, an dem Ort, für den das Stück gedacht war. Die Anhänger eines französischen Algerien schäumten vor Wut und warfen Genet Frankreichfeindlichkeit und Verrat vor. Tatsächlich ist das Stück ein Textmonstrum, bei dem auf 150 Seiten 96 Figuren aufmarschieren, ein in Nordafrika angesiedeltes, mit Fäkalsprache und masochistischer Lust an der Düsternis gesättigtes Requiem über Kolonialismus , Krieg und Unterdrückung, in dem Szenen parallel gespielt werden sollen, Lebende und Tote munter durcheinanderspazieren und Genet noch Kommentare einfügt – um ganz sicherzugehen, dass der Zuschauer es merkt: Dieses Theater „ist in einen Friedhof gebaut“.

Im Zentrum der Handlung steht die Leidensgeschichte von Said, „dem ärmsten Sohn des Landes“, und seiner Frau Leila, der „hässlichsten Tochter des Landes“, der eine Bagage von brutalen, herzlosen, über Leichen gehenden Polizisten, Generälen und anderen Besatzern gegenübergestellt wird. Das Stück ist eine einzige, sprachgewaltige Kolonialistenverhöhnung, und es ist so gut wie nicht inszenierbar. Als Dieter Dorn es vor einigen Jahren am Münchner Residenztheater versuchte, kam eine opulente Choreografie hohler Gesten dabei heraus.

Zumindest das kann dem französischen Regisseur Frédéric Fisbach, dessen Inszenierung jetzt im Rahmen der Spielzeit Europa im Haus der Berliner Festspiele gastierte, nicht passieren. In Fisbachs „Les Paravents“ treten nämlich – bis auf Said, Leila und seine Mutter – nur Marionetten auf, geführt von Puppenspielern der japanischen Compagnie Youkiza. Und bei Marionetten führen die großen Gesten nicht zu falschem Pathos, sondern zu Komik. Während sich die fragilen Puppen mit wundersamer Eleganz und Anmut bewegen, sprechen die beiden auf der Bühne sitzenden Rezitatoren Valérie Blachon und Christophe Brault den dazugehörigen Text, ziehen im Herrenmenschenton des Großgrundbesitzers über die Araber her oder beklagen sich über das Leben im Bordell. Das Ineinander von Zartem und Grobem ist am Anfang reizvoll, rückt das Geschehen aber bald in eine pittoreske Ferne, die so etwas wie Beteiligtsein kaum aufkommen lässt. Andreas Schäfer

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