Kultur : Friedrich Cerha zwischen formaler Konzentration und klanglicher Pracht

Volker Straebel

Vielleicht sollte man bei der Bewertung eines Kunstwerkes nicht immer auf dessen Entstehungsdatum schielen. Die Oper "Baal" etwa des Österreichers Friedrich Cerha wurde 1981 keineswegs von ungefähr mit großem Erfolg bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Die aus ihr entwickelten "Baal Gesänge" für Bariton und Orchester wiederum sind ebenfalls deutlich der spätromantischen Tonsprache Gustav Mahlers verpflichtet. In ihrer intensiven Expressivität überwinden sie den Anachronismus zwischen ihrem eigenen musikgeschichtlichen Ort und dem des Brechtschen Textes (1918-26) spielend. Im Konzerthaus nun leitete der Komponist selbst das hervorragend disponierte Sinfonieorchester des MDR - und sorgte dabei für ein zahlenmäßig ziemlich ausgewogenes Verhältnis zwischen Bühne und Publikum. Schade, denn Sigmund Nimsgern als stimmgewaltigem Baal wäre eine größere Zuhörerschaft zu wünschen gewesen. Die Abonnenten ließen sich von der vorgeblich Neuen Musik schrecken. Aber nicht überall, wo 1980 drauf steht, ist auch Musik von 1980 drin.

Anton Weberns "Sechs Stücke für Orchester" (in großer Besetzung) nach der Pause schöpften aus der Spannung zwischen formaler Konzentration und klanglicher Pracht. Das MDR-Orchester beglückte besonders im gerade elftaktigen dritten Stück mit überlegter Ausgestaltung der Klangfarbenmelodie und Mut zu leisen Einsätzen. Dies galt auch für Schuberts "unvollendete" h-Moll-Sinfonie. Cerha forderte klangliche Transparenz und dynamische Präzision - und bekam sie. So trumpften die Celli im zweiten Thema der Exposition nicht auf, sondern integrierten sich in die Begleitfigur, der Oktavsprung der Violinen in der Überleitung zum zweiten Thema des zweiten Satzes wurde zur fahl leuchtenden Offenbarung. Komponisten wissen eben, was Komponisten wünschen.

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