Friedrich Hollaender : Ein Leben auf der Achterbahn

Hoch hinauf, tief hinab: nach seinem Exil war Friedrich Hollaender halb vergessen. Jetzt endlich ehrt Berlin ihn.

Thomas Lackmann

Ein Flüchtender ist er, auf seine Art, vorher schon gewesen. Als Zwölfjähriger spielt er im Kino an der Kantstraße Piano, bis die Eltern anrufen, er soll essen kommen. „Ach, wenn die Musik nicht wär“ heißt ein knisterndes Duett, mit dem der Erwachsene eine Szene jener Jahre, Fritzchens Verführung durch das Kindermädchen, schildern wird. Musik ist sein Elixier, seine Zuflucht. Später auch: das Roulette. Die erste von vier Ehen hat er bald hinter sich. Ein Flüchtling wird Friedrich Hollaender, zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt, am 26. Februar 1933.

Es gab schon Attacken im Tingeltangel-Theater. Man schlägt ihn am Ku’damm übern Kopf: das jüdische Männlein, den respektlosen Quatschmacher. Die Portiersfrau sagt, er stehe auf einer Liste. Wilmersdorf, Cicerostraße: Er steigt aus dem Taxi. Schwiegermutter Nr. 2 steht am Fenster, Katze im Arm. Sie hält die Finger an die Lippen. Zeigt auf die Eckkneipe. Und zieht die Gardine zu. Unten sagt sie: Gestapo ist oben. „Zerreißen Bücher. Zerschneiden Bilder. Der Liebermann hat schon seins weg. Die Feldpostbriefe an dich haben sie gefunden, von der Lasker-Schüler, mit den Zeichnungen, mit dem Davidstern auf der Backe. Fort mit euch! Ganz furchtbar schnell!“

Neues Taxi. „Bitte Bahnhof Friedrichstraße.“ Die Ehefrau sagt ins klamme Schweigen: „Schöne Sternennacht.“ Umleitung. Baustelle. Straßensperre. Sie drückt seinen schwarzen Schopf runter. Mantel drüber. Ihre Mähne weht aus dem Fenster: „Heil, Jungs!“ Die Braunhemden rufen: „Na, du blonde Klingelfee“. Sechs Minuten bis zur Abfahrt nach Paris. Rennen übern Perron. „Eine weiße Rauchschwade trennt uns für eine Sekunde.“ Geschildert hat Friedrich Hollaender diese Flucht in seinen 1965 erschienenen Memoiren.

Seine Vorstellung von dem, was in der Wohnung, Cicero 14, passiert war, hatte er schon 1941 in dem Emigranten-Roman „Those Torn from Earth“ veröffentlicht. Da schaut der Komponist Hamforter den SA-Besuchern bei der Jagd auf „nichtarische“ Noten zu: „,Das nenne ich Judendreck! Ich will Ihnen ein kleines Geheimnis verraten: Wir machen bald ein Feuerchen.‘ Hamforter knallte hinter ihnen die Tür zu. Was blieb, war Leere und ein taubes Gefühl in den Fingerspitzen.“

In der Cicerostraße, wo auch die Sängerin Lale Andersen und der Comedian Harmonist Harry Frommermann wohnten, steht heute der Altbau Nr. 14 zwischen Nachkriegshäusern. Im Hof Rosen. Spielgeräte. Auf Balkonen Satellitenschüsseln. Morgen soll da eine Gedenktafel eingeweiht werden.

Von den Karrierefacetten des Frederick Hollaender, wie er in Hollywood hieß, kennt die Nachwelt seine Songs im „Blauen Engel“. Seine Dirigenten-Ambition verblasst vor dem Brettl-Ruhm, seine spätromantischen Kunstlieder bleiben unentdeckt, seine 175 Soundtracks vergessen. Das Vermächtnis des Bühnenautors und Regisseurs, seine Entwicklung des literarisch-glamourösen Genres „Revuette“, die intelligent-frivolen Singspiele erscheinen – als unwiederbringliche Blüte leichter Muse – nicht revitalisierbar. Sein Oeuvre aus Couplets, ironischen Romanzen, operettenseligen Schmachtfetzen wartet vergeblich auf adäquate Interpreten. Sein Roman „Ich starb an einem Dienstag“ (1972): vergriffen.

Hollaenders Achterbahn-Vita ist weder als Epochenroman noch für Bühne oder Leinwand realisiert worden. Nicht mal eine Straße ringt sich Berlin für das einmalige Entertainertalent ab. Aber als traumverlorener Tastenzwerg rührt er uns auf Youtube: in Billy Wilders Trümmer-Berlin-Melodram „A Foreign Affair“, neben der Riesin Marlene Dietrich, die ihm ihre Kippe in den Mund steckt; als Bandleader, der im Ostberliner Outback Lilo Pulvers Säbeltanz – „Eins, Zwei, Drei“, noch ein Film von Wilder – mit Fleischspießen dirigiert.

Dass der Rückkehrer Hollaender, trotz Kabaretteinsatz für Film und TV, in der Bundesrepublik so heimatlos blieb wie sein Gesamtwerk unter den Nachgeborenen, mag an seinem Mix aus Sentiment und Anzüglichkeit, Morbidität und Sozialkritik, rotziger Ideologieferne und Unterhaltungspoesie liegen. Der politisch Verfolgte aus einer bürgerlich avancierten Musik- und Theaterfamilie hat zwar punktuell, bevor seine Zivilisation im Jahrhundert-Terror scheiterte, das Großmaul Adolf („Ihr alle werdet in den bösen Sack gesteckt! Kein Aas hat sich erschreckt“), den Propagandisten („Hör im Traum wie Goebbels spricht: „Ei, wie rollt das Köpfchen!“) und die Fahrt nach „Nazedonien“ beschrieben. Er fantasiert, dass sein Alter Ego, der Emigrant Hamforter, Madame Tussauds Hitler in London enthauptet. Er erwähnt, das Herz des Vaters habe „dem Kummer über die verschleppten, vergasten Geschwister nicht standgehalten“. Taubes Gefühl: Künstlerisch reagieren kann er nicht. Die Musik gibt er schließlich auf. Bei seinem Münchner Begräbnis im Januar 1976 folgen zehn Personen dem Sarg.

Seine altmodischen Chansons bringen, wo sie erweckt werden, Sehnsucht nach Nähe zum Klingen, die Welt der Heuchelei und der Hoffnungen, Faszination des Zwielichts: „Kokain-Rausch“ und „Mélodie perverse“. Fritzchen zelebriert die erotische Verzögerung des Lebens: „Grade wenn’s am schönsten ist, dann geh nach Hause“. Er träumt: „Keiner weiß, wie ich bin, nur du“, faucht aber: „Mensch! Sei Mensch! Und unterscheide dir von’s Tier!“ Die Großkotz-Metropole veräppelt er: „Berlin, Berlin, wie bist du schön geworden, und hast du auch kein Geld“. Flüchtig ist der Wanderer geblieben, ein einsames Riesenbaby, das – wie seine legendäre Lola an ihr Pianola – niemanden an sein Geheimnis lässt: „Doch will mich wer begleiten hier unten aus dem Saal, den hau’ ich in die Seiten und tret’ ihm aufs Pedal.“

Am Mittwoch, 17. Juni, wird um 12 Uhr an Friedrich Hollaenders ehemaligem Wohnhaus an der Cicerostraße 14 eine Berliner Gedenktafel enthüllt (Zugang Hof Cicerostraße 16).

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