Friedrichjahr : Sanfter Guss

Die Sprache seines Herzens: Seinen ersten Musikunterricht bekam Friedrich II. mit sieben Jahren. Später erlaubte der flötenspielende Preußenkönig nur selten und ungern Zuhörern ihm zu lauschen.

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Flötenkönig. Emmanuel Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, spielt Friedrich den Großen. Foto: EMI/Josef Fischnaller
Flötenkönig. Emmanuel Pahud, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, spielt Friedrich den Großen. Foto: EMI/Josef Fischnaller

Hunderttausendfach ist es abgebildet worden, genauso oft wird es dieses Jahr abgebildet werden: Adolph von Menzels 1852 vollendetes Gemälde „Das Flötenkonzert von Sanssouci“. Das Bild ist stimmungsvoll, zeigt Spannungen auf, und es ist gut recherchiert: der Kronleuchter, der Notenständer, die Gesichtszüge von Friedrichs Flötenlehrer Quantz, das Untergestell des Silbermann-Hammerflügels aus der Werkstatt von Johann Melchior Kambly.

Trotzdem hat es der Erinnerung an den musikalisch überdurchschnittlich gebildeten Friedrich und seine Musiker sehr geschadet. Denn es zeigt den König in einer Ausnahmesituation, Friedrich ließ Zuhörer nur selten und ungern zu, vor allem in einem Moment der Stagnation, der Routine. Die Zuhörer und die Mitspieler wirken gelangweilt, affektiert, unkritisch. Damit ist das Bild das perfekte Cover für die CDs zu Friedrichs 300. Geburtstag, die mit Titel in Frakturschrift, zweitrangigen Orchestern oder uralten Archivaufnahmen den Eindruck der gelangweilten, routinierten Musiker klingend unterstreichen.

Das ist schade. Denn es war die Musik, der der misanthropische König seine innersten Gefühle anvertraute. Dies meinte jedenfalls Friedrichs letzter Kapellmeister Johann Friedrich Reichardt. Er ist eine unverdächtige Quelle – Reichhardt hat auch Schwächen und Eitelkeiten des stets um Darstellung seiner musikalischen Kompetenz bemühten Königs aufgezeigt. Doch schreibt er auch: „Sein ganzes Adagio war ein sanfter Guss und reiner, anmuthiger, oft rührender Gesang – der sicherste Beweis, dass der schöne Vortrag ihm aus der Seele kam.“ Damit nicht genug. Laut Reichhardt hat Friedrich erst in der Musik die Sprache seines Herzens gefunden: „Wenn man zu diesem Gefühl noch die zärtliche Liebe des Königs für Mutter, Schwestern und einige alte Militärpersonen nimmt; so kann man wohl auf den Gedanken kommen, dass die Kälte seiner Gedichte in der fremden Sprache und Poesie liegt, die er leider gewählt hatte.“

Es wird also noch viel Übermalungsarbeit zu leisten sein, um einen freieren Blick in das königliche Herz werfen zu können – wobei Friedrich viele Rollen einnahm. Menzel malte den Amateurmusiker, aber nicht den Mäzen, Librettisten und Opernintendanten, der Friedrich auch war. Schon im Alter von sieben Jahren erhielt Friedrich Musikunterricht – keineswegs heimlich, vermutlich sogar auf Veranlassung des Vaters. Auch dass er mit Johann Sebastian Bach nichts anfangen konnte, ist wohl eine Legende. Immerhin berichtet der Verleger Friedrich Nicolai, dass dem „Könige (...) im Anfang seiner Regierung der kontrapunktische Styl nicht zuwider“ gewesen sei. Die erst 1999 wiederentdeckten Flötenquatuors von Friedrichs Lehrer Quantz beispielsweise seien „ganz in diesem Geschmacke“ geschrieben gewesen „und noch dazu die Quatuors ziemlich trocken.“

Historisch bedeutend ist dennoch die Vorliebe des jungen Friedrich für den galanten Stil. Die Auseinandersetzung damit ist aktuell, gilt dieser Stil doch als Ausdrucksform einer entscheidenden Übergangszeit. Er markiert jenen historischen Bruch, den wir zwischen Barock und Klassik, zwischen Voraufklärung und der Geburt eines modern wirkenden, aufgeklärten Bewusstseins empfinden. Zwischen der Musik Bachs, die wiederentdeckt werden musste und der Musik Mozarts, deren Tradition nie abgebrochen ist. Es ist ein rätselhafter Stil, dem man mit einer an Bach und Händel geschulten Routine der historischen Aufführungspraxis nicht beikommen kann.

Ein Feldherr wie Friedrich, der Molltonarten in Opern zu rührend fand, ist uns fremd geworden. Erst in zeitgenössischen Jugendkulturen wie etwa bei den Emos findet man eine Ahnung von diesem Dualismus aus weicher Emotionalität und subkutaner Aggression. Dieser Stil ist brutal melodieorientiert – und plattester Pop. Er ist fein ziseliert und ornamentiert wie die Rocaillen von Sanssouci – und darum aus den bloßen Noten genauso schwer zu rekonstruieren wie es der New-Orleans-Jazz wäre, wenn wir von ihm nur die nackten Noten besäßen.

Eine Armee von Musikern nimmt sich zum Friedrich-Geburtstag dieser Musik an. Dabei reichen die Ansätze von höfischen Reenactments mit Pferdeballett bis hin zu Konzerten auf alten und neuen Flöten. Vorreiter sind die Musikfestspiele Potsdam-Sanssouci. Schon ihr Motto „Rührt euch!“ bringt den Widerspruch auf den Punkt, der für den modernen Betrachter in der Person des zugleich nach Ruhm und Rührung lechzenden Herrschers liegt. Das Verdienst der Potsdamer Musikfestspiele besteht darin, dass sie die Musik im friderizianischen Preußen in einen europäischen Kontext stellen. So waren es die Musiker aus Friedrichs Hofkapelle, die die Grundlagen des bis heute bestehenden bürgerlichen Konzertwesens zu legen halfen – und zwar außerhalb des Dienstes in Sanssouci.

Neben Carl Philipp Emanuel Bach, den es sicher nicht aus Not und Langeweile 30 Jahre in Berlin hielt, sind weitere expressive Charakterköpfe wie Franz Benda, Johann Gottlieb Janitsch und Christoph Schaffrath zu entdecken. Sie alle zeigten, dass Innovation und Traditionspflege sich nicht ausschließen. Weshalb gleich zwei wichtige Einflusslinien von Berlin zu Mozart nach Wien führen. Die frühzeitig in Berlin einsetzende Pflege von Bach und Händel – und der von Mozart verehrte jüngste Bach-Sohn Johann Christian, der am Musentempel Unter den Linden vom Opernbazillus befallen wurde. Für Routine im Umgang mit der Musik des friderizianischen Preußen ist es definitiv zu früh.

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