Friedrichstadtpalast : Mannomann

Glanzvoller als am Donnerstag im Friedrichstadtpalast kann eine Berliner Revue-Premiere nicht sein: Ein Stelldichein der demi monde, ein Bussi-Event und Festival des zweifelhaften Geschmacks.

Frederik Hanssen
Qi - eine Palastphantasie
Lasst uns frech und mutig sein, gab Intendant Schmidt als Motto der Show aus. -Foto: DAVIDS/Darmer

Glanzvoller als am Donnerstag im Friedrichstadtpalast kann eine Berliner Revue- Premiere nicht sein: Ein Stelldichein der demi monde, ein Bussi-Event und Festival des zweifelhaften Geschmacks. Alte Herren kommen mit jungen Damen, junge Herren in Begleitung von sehr jungen Herren, dazu ein wenig Westberliner Bodensatz, viel lokale Entertainment-Prominenz. Auch Klaus Wowereit ist gekommen. Und das ist gut so. Denn dieser Abend ist – unausgesprochen zwar, aber optisch überdeutlich – eine Hommage an den Regierenden Kultursenator. Damals, als es brenzlig wurde beim entscheidenden SPD-Parteitag, hat Wowereit seine legendären Worte gesprochen. Jetzt, wo dem Unterhaltungstempel das Wasser bis zum Hals steht, wagt auch der Friedrichstadtpalast ein Outing: Früher waren die Revuen hier oft verklemmt. Die neue Show ist ganz offen schwul.

Im Vorfeld hatte Intendant Berndt Schmidt versprochen, das Genre ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Es ist ihm gelungen. Mit einem altgedienten Autorenteam: Jürgen Nass arbeitet seit 1984 hier, Roland Welke seit 1998. Sie haben „Qi“ erfunden, ein Land, das vom Homo erectus bevölkert wird. Frauen spielen hier nur Nebenrollen, sehen aus wie Barbie-Parodien oder stöckeln mit überdimensionalen Federkonstruktionen auf dem Kopf einher und müssen im ersten Finale in ihrer Girl-Reihe sogar Männer mittanzen lassen. Die Kerle in Qi laufen, als hätten sie Autoreifen unter den Armen, außerdem frieren sie nie, tragen darum nackte Brust unterm Goldanzug oder gleich Latex-Shorts zu Stiefeln und Lackmaske. Wie wohl die Fortpflanzung in diesem Männermärchenland funktioniert? Es ist eben eine pure „Palast-Phantasie“: Glitter and be gay.

Die Erotik des 21. Jahrhunderts ist maskulin, proklamiert dieses Christopher- Street-Day-Spektakel. Nackte Busen haben wir genug gesehen. Die einzige Oben-ohne-Blondine des Abends wird darum rasch per Seilwinde in den Bühnenhimmel entsorgt. Dann kommen „2men“, einer schwarz, der andere weiß. Sie tanzen eine Wrestling-Choreografie, die in einem mehrsekündigen Zungenkuss der Kontrahenten kulminiert. Ein ähnlicher Frauen-Act, Typ Schlammcatchen, gerät dagegen keusch und harmlos. Geradezu putzig in ihrer heterosexuellen Konventionalität nehmen sich die eingekauften Gast-Ensembles aus, die amerikanischen Eiskunstläufer und russischen Flugartisten, wenn sich starke Kavaliere ums schwache Geschlecht bemühen. „Qi“ schleift alle Tabus, nicht nur in geschlechtlicher Hinsicht: Friedrichstadtpalast-Klassiker fehlen, es gibt beispielsweise kein gläsernes Bassin mehr und kein Unter-Wasser-Synchronschwimmen. Dafür sollen sich die Tänzer wie Gangsta-Rapper auf MTV bewegen – was allerdings noch nicht ganz überzeugend geling, weil die Top-Profis des Balletts nun einmal auf Grazie getrimmt sind und nicht auf Proll-Pantomime.

Ein Kick genügt nicht mehr, es müssen mindestens zwei Reize auf einmal sein: Der Jongleur (Viktor Kee) ist auch Schlangenmensch, beim Eistanz wird gleichzeitig gezaubert, während der Gruppenchoreografie fliegen im Hintergrund Artisten aus einer Riesenschaukel, die Stepptanz-Nummer muss unter der Regenmaschine stattfinden. Komponist Frank Nimsgern liefert dazu einen wüsten Soundtrack, der stilistisch alles abdeckt, was man sonst nur im Laufe eines langen European-Song-Contest-Abends geboten bekommt. Und auch Heinz Hauser reißt die riesige Bühne so weit auf wie möglich, mit endlosen Lichtbändern, die im schönsten Bild zum nächtlichen Firmament werden, wenn Gesangssolistin Katja Berg auf einer strassglitzernden Mondsichel herabschwebt und der Himmel voller Discokugeln hängt. Ein Tuntentraum. Honni soit Qi mal y pense: Ein Spießer, wer Schlechtes dabei denkt. Berlin hat endlich die Revue, die es verdient.

Infos: www.friedrichstadtpalast.de

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