Friends of Gas : Knick ein!

Krach plus Kraut: Die Münchner Band Friends of Gas und ihr starkes Debütalbum "Fatal Schwach".

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Friends of Gas mit Sängerin Nina Walser (Mitte).
Friends of Gas mit Sängerin Nina Walser (Mitte).Foto: Susanne Beck

Der Süden ist still geworden. Vierzig Jahre, nachdem sich Giorgio Moroder in München seinen Reim auf Disco machte und bald 15 Jahre, nachdem The Notwist als Protagonisten der Weilheimer Szene ihr Meisterwerk „Neon Golden“ veröffentlichten, kommen aus der Region schon länger keine maßgeblichen popmusikalischen Impulse mehr. Die Blasmusik-Weiterentwicklungen von LaBrassBanda und Kofelgschroa mal außen vorgelassen.

Doch jetzt gibt es ein Quintett aus München, das mit seinem gerade veröffentlichten Debütalbum „Fatal Schwach“ massiv die Aufmerksamkeit auf die bayrische Landeshauptstadt lenkt – bezeichnenderweise unterstützt vom Berliner Label Staatsakt, wo sie neben Ja, Panik, Chuckamuck und Isolation Berlin gut ins Programm passen. Leider hat sich diese Band den geschmacklosen Namen Friends of Gas gegeben, der vor allem bei etwas älteren Deutschen Assoziationen an Gaskammern und Zyklon B in Gang setzt. Zumal auf Deutsch und Englisch gesungen wird, was die korrekte Übersetzung von „gas“, Benzin, in den Hintergrund drängt.

Nina Walsers heiserer Schreigesang ist atemberaubend

Kommt man über diese unnütze Provokation hinweg, hört man allerdings ein starkes Album, das auf beeindruckende Weise Post-Punk mit Krautrock verbindet. Dass es trotz dieses in die siebziger und achtziger Jahre verweisenden Sounds absolut gegenwärtig und dringlich klingt, liegt vor allem an Sängerin Nina Walser, die mit ihrem rauen Organ in die Songs hineinschreit, skandiert und auch mal haucht.

Mit welcher Wut und Wucht sie sich etwa bei „Einknick“ in die Zeile „Knick ein, kick ein, einknick“ hineinsteigert, ist schlicht atemberaubend. Die E-Gitarren von Veronica Burnuthian und Thomas Westner erinnern dabei an Sonic Youth. Noch stärker ist das bei „Saurer Schnee“ der Fall, einem der vier von insgesamt sieben Songs, die die Sieben-Minuten- Grenze überschreiten.

Sogar achteinhalb Minuten lang ist „Kollektives Träumen“, das großartige Herzstück dieses in vier Tagen live eingespielten Werkes, dessen Produktion Max Rieger von der seelenverwandten Stuttgarter Band Die Nerven übernommen hat. Das Lied wirkt wie ein von Neu! und den Fehlfarben inspirierter Trip, bei dem Nina Walser auf „Ein Jahr (Es geht voran)“ anspielt, unter anderem mit der Zeile „Geschichte wird gemacht, doch nicht von mir, und nicht von dir“. Nach kaum drei Minuten hat sie alles gesagt und die Band übernimmt ohne sie den restlichen Teil der rasenden Reise mit splitternden, grollenden, kreischenden Gitarren und einer ultrastoischen Rhythmusgruppe. Ganz großes Krautrock-Kino.

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