Frieze Art Fair : Die neue Sparsamkeit

Auf der Londoner Frieze Art Fair findet ein Epochenwechsel im internationalen Kunstgeschäft statt.

Matthias Thibaut[London]

Wer wegen allzu feinen Schuhwerks auf der Londoner Frieze-Messe fußmüde wird, der kann von Performancekünstler Bert Rodriguez eine Fußmassage bekommen. Der freundliche Künstler massiert im Rahmen eines Frieze-Projekts, um „mit Demut und Takt etwas gegen die gesellschaftliche Überhöhung des Künstlers durch den überschäumenden Kunstmarkt zu tun“.

Sein peruanischer Künstlerkollege Jota Castro stört sich weniger am Künstlerkult als an der Verherrlichung der Sammler. Er hat auf edle Glasplatten mehrere Dutzend bekannte Namen von Juan Abello bis Reinhold Würth gedruckt und als Überschrift darüber gesetzt: „Motherfuckers never die“. Es klingt grollend, vielleicht weil keiner der Genannten bei ihm gekauft hat, doch im Kontext der Messe ist das Werk, das am Stand der italienischen Galerie Massimo Minini 12 000 Euro kostet (Auflage 3), eine von Grund auf optimistische Aussage: Der Kunstmarkt stirbt nie.

Mögen ringsum die Volkswirtschaften zusammenstürzen, Kunst wird immer gebraucht. So kamen wieder alle ins Messezelt, auch etliche von Castros Sammlerliste. Längst sind Kunstmessen Paparazzi-Feste, wo Sammler und Promis mehr fotografiert werden als die Kunst. Charles Saatchi war wie immer der Erste. Georg Michael und Partner Kenny Goss hielten nach neuen Werken für ihre texanische Sammlung Ausschau. U2-Mitglied Adam Clayton war da, um den Erlös für das im Juli bei Sotheby’s versteigerte Basquiat-Gemälde der Rockband wieder auszugeben. Alle Augen folgten der Queen der russischen Kunstszene, Dascha Schukowa, Freundin von Milliardär und Supersammler Roman Abramowitsch. Aber irgendwie war zu spüren, dass sich das Zusammenspiel der Kräfte verändern wird. Künstler sind zwar nicht von Demut ergriffen, aber die Sammler haben es jetzt besser. Die Preise sinken, man kann nachdenklicher kaufen und muss nicht mehr als Bittsteller kommen. „Viele haben jetzt Cash auf der Bank, das aus Aktien stammt, und es wird tolle Kaufgelegenheiten geben“, freut sich Kunstfond-Manager Philip Hoffmann vom Fine Art Fund.

Obwohl die Frieze nicht im obersten Segment operiert, scheinen viele Preise plötzlich hoch. Richard Princes „Heartbreak Nurse“ am Stand von Gagosian, mit sieben Millionen Dollar das teuerste Werk der Messe, fand nicht auf Anhieb einen Abnehmer. „Es wird um Rabatte gefeilscht wie noch nie“, beobachtete ein belgischer Händler. „Die Käufer brauchen länger, um sich zu entscheiden und sind selektiver“, stellt man in der Salzburger Galerie Ropac fest. Galerist Iwan Wirth weiß, dass eine neue Zeit beginnt: „Jetzt wird sich zeigen, wer in den letzten Jahren wirkliche Galeriearbeit gemacht hat und wer nur schnell Geld verdienen wollte.“ Fürchten muss er sich nicht: Gleich bei der Messeeröffnung war sein Stand halb ausverkauft. Besonders mit indischen Werken hatte er Glück: Von Subodh Guptas, dem „Damien Hirst Indiens“, ging das Großformat „Still Steel #9“ auf Anhieb für 450 000 Euro weg.

Die neue Sparsamkeit beginnt, aber Londons Contemporary Szene war noch einmal das Schaufenster für ostentativen Hochglanz-Überschwang. Zaha Hadids atemberaubend schönen, dabei völlig unpraktischen Hightech-Möbel sind die Signatur der Epoche. Galerist Wirth hat in seiner Galerie in der Bond Street Kleinplastiken von Henry Moore auf einen 650 000 Pfund teuren Tisch von Hadid gestellt, auf der DesignArt London am Berkeley Square bespielt Galerist David Gills einen ganzen Stand damit. Allenfalls die Carpenters Workshop Gallery setzt mit dem kalten Glanz von Marc Quinns neuen Marmormöbeln noch eins darauf: einen 1,7 Tonnen schweren Block Carrara-Marmor mit hochglanzpolierter Fläche und Blumenintarsien. Der Stuhl, der nahtlos im Fußloch des Monstrums verschwindet, ist hart und kalt. Das Machtmöbel „Iceberg“ war für 200 000 Pfund sofort verkauft.

Kapitalismuskrisen sind für Künstler stimulierend. Chaos ist aufregender als das Gleichmaß des Wohlstands. So sieht man Grayson Perrys „Map of Nowhere“ plötzlich mit anderen Augen, einer Begriffskarte, auf der die „Marktwirtschaft“ ein wackliges Pfahldorf ist (16 000 Pfund als Auflagenwerk bei Viktoria Miro). Die Berliner Galerie Barbara Weiss hat Papierarbeiten von Thomas Bayrle aus den siebziger Jahren, aus denen Köpfe aus Dokumenten des Finanzlebens aufscheinen: Im letzten Jahr hätten diese Werke mit Titeln wie „Rentenkredit“, „Sparbuch“ oder „Börsenbericht“, die nur 3 500 Euro kosten, nostalgisch gewirkt – nun haben sie beißende Aktualität. Bei White Cube lieferten Jake & Dinos Chapman als Highlight des Standes eine neue Vitrine mit Folter- und Höllenszenen. Titel: „Das Kapital ist kaputt? Ja? Nein! Dummkopf!“

Die Talfahrt hat begonnen. An diesem Wochenende bei den Auktionen wird man sehen, ob es eine Preiskorrektur oder ein Crash wird. Wenn die Investoren weiter Vertrauen in die teuren Werke haben, behält Hoffmann recht. Bleiben die Meisterwerke liegen, könnte bald Panik einsetzen. Aber schon jetzt wirkt die Kunst am zeitgerechtesten, die von der Hochfinanz am weitesten entfernt ist. Am entspanntesten ist die fröhliche „Zoo Art Fair“. Künstler dekorierten den Eingangsbereich mit ornamentalen Aufklebern, die Schottin Karla Black zeigt die Kunst der kommenden Epoche: Sie ist billig, luftig und leicht und besteht aus bestäubten Wattebällchen und federleicht gewundenen farbigen Plastikplanen.

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