Frisch, frech, Freiluft : Das spielen die Berliner Sommerbühnen

Theaterferien? Nur an den großen Häusern. Bei den Open-Air-Bühnen dagegen ist jetzt Hochsaison.

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Shakespeare geht immer. Das Monbijou-Theater nahe der Berliner Museumsinsel. Foto: promo
Shakespeare geht immer. Das Monbijou-Theater nahe der Berliner Museumsinsel.Foto: promo

Hier sind drei gute Gründe, das Sommertheater zu lieben: Man darf Getränke mit reinnehmen. Man kommt mal an die frische Luft. Und nirgendwo sonst – außer beim CSD – sieht man so viele einfallsreich kostümierte Menschen auf einen Haufen. Trotzdem fremdelt der echte Berliner traditionell mit der Freiluftsaison und überlässt die Open-Air-Theater, die anders als die festen Bühnen nicht in der Sommerpause sind, den Touristen und reisenden Schulklassen. Schon seltsam. Bei entsprechendem Volksentscheid würde eine Mehrheit die Freiluftbühnen vermutlich auch als Notunterkünfte für Flüchtlinge zur Verfügung stellen.

Und welche Stücke gibt es unter Berlins freiem Himmel zu sehen? Brechen wir auf zu einem kleinen Rundgang durch die Sommertheatersaison.

Im Monbijou-Theater in Mitte, das lange Jahre Hexenkessel Hoftheater hieß und nicht zuletzt durch seine angrenzende Strandbar Berühmtheit erlangt hat, ist am frühen lauen Abend kein Platz mehr frei. Um den Altersdurchschnitt des Publikums hier würden die großen Häuser der Stadt die Volkstheatertruppe beneiden. Wo bekommt man derart viele junge Menschen her, die bereit sind, sich Shakespeares Komödie „Die lustigen Weiber von Windsor“ anzusehen?

Zechpreller und Womanizer

Es ist ein Schwank reinsten Wassers oder Weines, je nachdem. Shakespeare, das haben lange Sommertheaternächte schon in der Vergangenheit gelehrt, hatte ja nicht nur geniale Momente. Seine „Lustigen Weiber“ handeln vom Trottel Sir John Falstaff, den Monbijou-Veteran Matthias Horn mit Fatsuit und ohne Hemmungen spielt. Der versoffene Fettwanst hält sich für den Womanizer schlechthin und verspricht gleich zwei Frauen die Ehe. So prellt er sie um ihr Geld – um weiter unbeschwert in der Taverne saufen zu können. Was Mistress Ford und Mistress Page ziemlich schnell durchschauen. Sie drehen den Spieß um und piesacken den Dicken, wo sie nur können.

Das Ensemble, ganz auf Commedia dell’arte getrimmt, lässt in der Regie von Darijan Mihajlovic keinen Kalauer liegen. Ob Brexit-Witze oder Scherze über den Philosophen Kant und das aussprachegleiche englische Wort: pralle Volkstheaterfröhlichkeit bis unters Dach des hölzernen Amphitheaters. Wie schrieb Shakespeare an anderer Stelle? „Humor, wenn es dich wirklich gibt, bring mich in Stimmung!“ Kleine Korrektur: Man darf nicht, man muss Getränke mit reinnehmen.

Passend dazu hat das Monbijou-Theater – erfahren im Freiluftbusiness seit 1994 und so etwas wie das Rundum-sorglos-Paket unter den Open-Air-Events – für diese Spielzeit noch ein WirtshausSchmankerl ausgegraben: „Die Mitschuldigen“, verfasst von keinem Geringeren als Goethe. Die Ankündigung spricht von einem Geheimtipp, nicht selten der Euphemismus für unspielbaren Nonsens. Aber wehe! Auftritt Söller (Claudius von Stolzmann), ein Tunichtgut und Tagedieb, der den Zuschauern erst mal ihre Weinflaschen wegsäuft, bevor er zu einem ziemlich galligen Kabarett über AfD-Deutschland und Abgas-Skandale ausholt, und über alles, was sonst noch zum Himmel stinkt.

Amouröse Turbulenzen im Schrank

Okay, erst mal ist das nur ein Nadelstich in den Hintern der bürgerlichen Moral. Söllers Braut Sophie, ihr Vater, der Wirt sowie ihr ehemaliger Liebhaber verstricken sich in amouröse Turbulenzen und landen natürlich auch mal im Schrank. Aber der anarchische Geist von Maurici Farrés Inszenierung sprengt doch den Schenkelklopfer-Konsens der Bühne, die normalerweise vor allem nach dem Fips-Asmussen-Prinzip funktioniert: so lange unterirdische Pointen abfeuern, bis die Lachbarrieren brechen.

Schlägt der Ernst der Gegenwart bis in die Amüsierparks durch? Manche Areale bleiben in diesem Sommer sogar unbespielt. Keine Gaudi in der Klosterruine am Alex, kein „Spuk unterm Riesenrad“ im Plänterwald. Nicht mal im Schöneberger Südgelände, direkt an der S-Bahn-Station Priesterweg, wo die Shakespeare Company Berlin beheimatet ist, steht noch das unbeschwerte Vergnügen auf dem Programm. Stattdessen „Der Kaufmann von Venedig“.

Für draußen sind doch eigentlich die erotischen Tändeleien à la „Was ihr wollt“ oder „Wie es euch gefällt“ ideal. Die Company wagt sich aber trotzdem an die zweifelhaft beleumdete dark comedy. Und gewinnt. Auf der Freilichtbühne (die teilweise aus dem Globe-Set des Roland-Emmerich-Kinokrachers „Anonymous“ stammt) inszeniert Michael Günther den Kaufmann Antonio (Oliver Rickenbacher) und dessen Kontrahenten Shylock (Stefan Plepp) als düstere Zwillinge. Nicht nur, weil sie knöchellange Herrenröcke zum blassen Teint tragen (Kostüme: Gabriele Kartmann), sondern weil sie vereint sind in Einsamkeit.

Reihenweise depperte Freier

Antonio ist aussichtslos in Bassanio (Daniel Schröder) verliebt, dem er mit geliehenem Geld die Reise zur schönen Portia (Vera Kreyer) finanziert. Shylock, der für seinen Kredit das berüchtigte Pfund Fleisch „nahe dem Herzen“ als Bürgschaft verlangt, ist als Jude in Venedig sowieso der Paria. Aber keine Angst. Bei allem Ernst mutet die Shakespeare-Company ihren Sommergästen nicht zu viel der Schwere zu. Für gute Laune sorgt schon die toughe Portia, die mit ihrem Kästchen-Spiel (Gold? Silber? Blei?) reihenweise depperte Freier in die Falle tappen lässt.

Was macht eigentlich Molière? Der Franzose ist neben Shakespeare ja der Open-Air-Evergreen schlechthin. Er kommt noch, allerdings indoor. Regisseur Jan Zimmermann – jahrelang Stammkraft des Hexenkessel Hoftheaters – hat mit einer Reihe Vertrauter eine neue Heimat im Pfefferberg-Theater der Woesner Brothers gefunden, wo er Molières „Der Geizige“ zeigt (12.–14. u. 18. August). Ach ja, das Pfefferberg-Theater, dort haben wir schon schöne Sommertheaterstunden verlebt. Zum Beispiel in der überaus freien Romeo-und-Julia-Adaption „Chaos in Verona“, als Romeo ein Loser mit Elvistolle war und es Lebensweisheiten im Minutentakt hagelte („Altes Leder bei der Paarung/genießt den Vorzug der Erfahrung“). Aber das war eine andere Zeit. Und eigentlich nur was für Touristen.

Monbijou-Theater, Monbijou-Platz 3: „Die lustigen Weiber von Windsor“, bis 3.9., „Die Mitschuldigen“, bis 2.9., Infos: www.monbijou-theater.de;

– Shakespeare Company Berlin, Prellerweg, Schöneberg: „Der Kaufmann von Venedig“: 26.–30.7., weitere Termine im August, Infos: www.shakespeare-company.de

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