Kultur : Frisch frisiert posiert

KLASSIK (II)

Ulrich Amling

Wenn man vergisst, wer man ist, verliert man seine Stimme. Für Orchester ist das ein lebensbedrohlicher Zustand. Während RSB und Rundfunkchor sich zu ihren „Eltern“ bekannten und zum 10-jährigen Jubiläum der Rundfunkorchester und -Chöre GmbH (ROC) antraten, inszenierte Kent Nagano mit seinem ebenfalls zur ROC gehörenden Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie den demonstrativen Alleingang.

Er zeigt, wie schwer dem Dirigenten die Positionierung auf dem Berliner Klassikmarkt fällt. Weniger charismatisch gegenwärtig als Simon Rattle, weniger traditionsverbunden bieder als Marek Janowski sucht Nagano die intellektuelle Tiefe. Doch zunehmend wird unklar, wohin der Maestro eigentlich strebt, wann auf dem Podium musikalisch konfrontiert, wenn nur frisch frisiert posiert wird. Der Abend mit Bach und Brahms zeigt das DSO völlig losgelöst: vom Mutterschiff ROC, von einem Ensembleklang, von einer musikalischen Vision. Mit Andreas Staier wollte Nagano ein historisch informiertes Bachfundament im verkleinerten Orchester legen. Der Pianist ist dafür sicher die Idealbesetzung, vergeistigt und viril zugleich, ein Motor. Doch warum Staier auf einem modernen Konzertflügel spielt, in dessen Klangschatten eine Handvoll DSO-Streicher nur noch leise zirpen – wer weiß es. Das gewollte Ineinanderlappen der Aufführungsstile hatte den Charme und die Biegsamkeit eines Stockfisches. In Brahms’ vierter Sinfonie kann man dann so erbarmungslos Takte zählen hören wie selten, besonders unerschütterlich (und unmusikalisch) im Andante. In den Ecksätzen herrschen schrecklich überzogene Phonstärken. Nichts fließt. Das DSO ist heiser.

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