Kultur : Frischer Wind am Lützowplatz Marc Wellmann zeigt Werke von Jen Ray

Tatjana Kerschbaumer
Spielmacher. Marc Wellmann ist neuer Chef vom Haus am Lützowplatz. Foto: Kraehahn
Spielmacher. Marc Wellmann ist neuer Chef vom Haus am Lützowplatz. Foto: Kraehahn

Seine Arbeit als Direktor des Georg- Kolbe-Museums im Berliner Westend hat ihm den Ruf eingebracht, innovativ zu sein; manche behaupten auch: Er habe dessen auf Bildhauerei basierendes Ausstellungskonzept in den Jahren von 2008 bis 2012 ordentlich umgekrempelt. Seit April 2013 leitet Marc Wellmann nun das Haus am Lützowplatz und macht erneut sein Interesse für zeitgenössische Kunst zum Programm: Bis zum 10. November ist dort „Better to reign in hell, than serve in heaven“ der amerikanischen Künstlerin Jen Ray zu sehen, die seit 2005 in Berlin lebt und arbeitet.

Das Haus am Lützowplatz ist eigentlich für Kontinuität bekannt. Seit es 1963 von der SPD und dem Deutschen Gewerkschaftsbund als Verein gegründet wurde, gab es nur zwei künstlerische Leiter. Fast dreißig Jahre währte alleine die Ära Konrad „Jule“ Hammer, die erst mit dem überraschenden Tod des Galeristen 1991 endete. Von 1992 bis März dieses Jahres verantwortete die Künstlerin Karin Pott die Linie des Hauses. Jetzt führt Wellmann Regie – und tut es seinen Vorgängern zumindest in einem gleich: Er verpflichtete sich für unbefristete Zeit auf die ausgeschriebene Stelle.

Dass der Verein eine lange politische Tradition hat – immerhin wurde er auf Drängen von Willy Brandt, Gewerkschaftsführer Horst Wagner und Günter Grass aus der Taufe gehoben – ist Wellmann durchaus bewusst. Im Haus am Lützowplatz ging es seit dessen Gründung immer um Begegnungen zwischen Ost und West und um politische Bildung. Organisiert wurde das Ausstellungsprogramm sowohl in Eigenregie als auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund und dem Paul-Löbe-Institut. Unter Karin Pott löste sich der Verein von institutionellen Förderungen, seit 1994 finanziert er sich durch geschickte Vermietungs- und Verwaltungsstrategien komplett selbst. Wellmann verfügt deshalb zwar nicht über ein riesiges Budget, als Kurator macht ihn dieser Umstand jedoch relativ unabhängig.

Deswegen liegt ihm viel daran, die traditionellen Richtlinien des Hauses modern zu interpretieren. Dass er jetzt Werke von Jen Ray zeigt, an die sich bisher nur die Galerie Wentrup mit Einzelausstellungen herangetraut hat, ist eine erste Brise vom frischen Wind, den er mitbringt. Und hat Mut - denn Jen Ray ist nichts für schwache Nerven. In ihren großformatigen, detailverliebten Werken flammen nicht nur Popkultur und Feminismus auf, sondern auch Rays persönliche Umsturz-Erfahrungen: Gleich rechts neben dem Eingang erzählt ein unbetiteltes Bild davon, wie die Künstlerin einmal in Paris mit Begeisterung ein Auto demolierte. Gemeinsam mit französischen Protestierenden, die in ihrem Gemälde, Feminismus geht vor, alle weiblich sind.

Frauen sind schön. Aber auch grausam, kühl, unberechenbar. So werden sie von Jen Ray inszeniert, auch wenn man oft genau hinsehen muss, um in den riesigen Farbstrudeln ihrer Bilder alle Details zu erkennen. Ihre Performances, denen sie sich seit 2009 verstärkt widmet, stehen dem in nichts nach. Ihnen ist in der aktuellen Ausstellung ein eigener Raum gewidmet, in dem Videos von „Barbelo“ oder „The year zero“ in Dauerschleife laufen. Auffallend dabei ist Jen Rays Hang zu militärischen und mythischen Kostümen, derer sich die Darstellerinnen – je nach Performance – aber auch entledigen dürfen.

Obwohl im Haus am Lützowplatz bisher die Malerei im Mittelpunkt stand, hat Wellmann den Anspruch, all das zu zeigen. Für ihn muss bei Kunst vor allem der Bezug zur Gegenwart sichtbar sein, sollte dieser auch manchmal unbequem wirken. Der Erfolg der Ausstellungseröffnung gab seiner Linie recht: Die Live-Performance von Jen Ray litt wegen der Zuschauermassen fast ein wenig an Platzmangel. Tatjana Kerschbaumer

Lützowplatz 9, Di-So 11-18 Uhr; 25. September, 18 Uhr, dialogischer Rundgang durch die Ausstellung mit Marc Wellmann und Henriette Huldisch

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