Kultur : Friss und stirb

„Monster House“, ein Gruselfamilienfilm

Sebastian Handke

Kinderaugen sehen mehr. Kinder wissen: Wenn sich nachts das Schattenmonster im Kleiderschrank zeigt, wenn sie schreiend nach den Eltern rufen, wenn die Eltern das Licht anknipsen und das Schattenmonster verschwunden ist – dann heißt das noch lange nicht, dass es nicht da war. Geschärfte Kindersicht hat auch der zwölfjährige DJ noch, obwohl er sich für „praktisch erwachsen“ hält. Gewisse Details aber, die Erwachsenen verborgen bleiben, entgehen ihm noch nicht. Details etwa wie die schlichte Tatsache, dass das Haus gegenüber Menschen frisst.

„Monster House“ erinnert an ein Genre der achtziger Jahre: die Comingof-Age-Geschichte mit Monstern. Er atmet die selten gewordene Atmosphäre des magischen Abenteuers in amerikanischen Vorstädten, wie man sie bei Steven Spielberg („E. T.“) findet und bei Robert Zemeckis („Zurück in die Zukunft“) – den beiden ausführenden Produzenten dieses Films.

Nichts ist so gruselig wie die unheimlichen Veränderungen an der Schwelle zur Pubertät. Im Haus gegenüber wohnt der alte Kinderhasser Nebbercracker, und was auf seinem Rasen landet, „hört auf zu existieren“, wie DJ treffend bemerkt. Heute ist auch noch Halloween: Dutzende von Kindern werden klingeln an einer Tür, die in Wahrheit ein Fressmaul ist. DJ und seine Freunde rüsten sich mit Taschenlampen und Wassergewehren, um die kranke Seele des Hauses zu erlösen.

Nach „Polarexpress“ ist dies der zweite Animationsfilm mit motion capture: Bewegung und Gestik echter Schauspieler wie Steve Buscemi werden von Computern in animierte Figuren übersetzt, ähnlich wie bei Disneys „Rotoskopie“ – damals allerdings noch von Hand. Hängende Schultern, schlenkernde Arme, lässige Drehungen gelingen viel flüssiger als in reiner Computeranimation. Zugleich aber etwas unnatürlich: Der Schauspieler bewegt sich im leeren Bühnenraum, in dem Requisiten nur als Drahtmodelle vorhanden sind. So stehen die Figuren oft vereinzelt herum.

Doch Jungregisseur Gil Kenan zaubert mit seinen Animatoren aus der jungen Darstellungstechnologie einen herrlichen Gruselfamilienfilm: „Monster House“ fügt dem Genre des gemäßigten Haushorrors reizvolle Perspektiven hinzu. Hübsch, wie mit Licht, Schatten und Hintergrund-Unschärfe gespielt wird. Hauptattraktion aber ist das Haus selbst: Zwei erleuchtete Fenster geben den bösen Blick, gezackte Bretter stellen sich zu gierigen Reißzähnen auf, der Empfangsteppich rollt sich zur schlingenden Zunge, und der Dielenboden öffnet sich zum klaffenden Rachen. Im Magen namens Keller herrschen unversöhnliche Wasserrohrtentakeln. Schaut aber ein Erwachsener drauf, liegt das Haus unschuldig da wie eine alte Hütte, die schon bessere Tage gesehen hat. Schlaues Haus.

Der Film nimmt dann plötzlich an Fahrt auf und wird zur atemlosen Achterbahnfahrt – was behutsam begann, wird begraben unter Krach und Getöse. Davon abgesehen ist „Monster House“ ein bemerkenswert einfallsreicher und komischer Film, der auch jenen, die ohne Kindersicht sind, ein oder zwei kleine Schauerchen bescheren dürfte.

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