Fritz J. Raddatz : Die Affen sind immer die anderen

In seinen Tagebüchern beschreibt Fritz J. Raddatz Eitelkeit als Normalfall des Kulturbetriebs. Je höher indes die Eitelkeitswogen schlagen, um so mehr zeigt sich auch etwas von der tiefen Verletzlichkeit des FJR, wie er sich selbst etikettiert.

Hannes Schwenger

Die Gala des Bundespräsidenten habe seinem „Affen Eitelkeit reichlich Zucker gegeben“, notiert Fritz J. Raddatz 1993 in sein Tagebuch. Ein ganzer Zuckerberg wird nach acht Jahren daraus, bis zur letzten, 940. Seite dieser Aufzeichnungen, inklusive Personenregister für den schnellen Check: Komme auch ich drin vor? Und doch lässt er noch einen Zuckerhut draufsetzen, wenn ihm Frank Schirrmacher auf Umschlag und Klappe zujubelt: „Dies ist er endlich, der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik.“ Das Buch, „das von der Kritik immer erhofft, aber von den Schriftstellern nie geschrieben worden ist“. Soll man sich also dem Stoßseufzer des Autors anschließen, „Affen kann ich bei Hagenbeck sehen“?

Elf Seiten weiter sitzt Raddatz, nachdem er auf der Gala „die Affigkeiten dieser Leute“ (der anderen) vermerkt hat, im Hotel am Kurfürstendamm, um „in dieser albernen Luxussuite Affenthaler Burgunder aus der Minibar zu trinken“. Man kann seinem Affen auch Saures geben! Auf Seite 770 bekennt Schirrmacher, Raddatz sei sein Vorbild und er würde sich gern als dessen Freund betrachten, aber: „Ihr Charisma werde ich leider nicht erreichen.“ Kommentar Raddatz: „Bisschen dicke.“ Wohl wahr.

Hat FJR, wie er sich selbst etikettiert, das nötig? Nach sechs Jahrzehnten als Chef erster Verlage in beiden deutschen Staaten, Feuilletonchef der „Zeit“, Nachlasshüter von Kurt Tucholsky, respektierter Gesprächspartner von Autoren in aller Welt und als nicht unumstrittener, aber keineswegs erfolgloser Romancier? Den „großen Gesellschaftsroman“ der Bundesrepublik haben andere geschrieben – von ihm geschätzte und weniger geschätzte Autoren wie eben Grass oder Siegfried Lenz und Martin Walser, von deren Gesellschaft die Tagebücher handeln.

Wenn an Schirrmachers Etikett, das ja einen diagnostischen Anspruch enthält, etwas dran ist, dann ist es die Tatsache, dass diese Tagebücher über die Eitelkeit ihres Verfassers hinaus die Eitelkeit als Normalzustand eines Kulturbetriebs beschreiben, der in den achtziger Jahren um keinen Deut bescheidener war als heute. Und sie erzählen davon, wie einer die Eitelkeit des Nächsten zum Anlass nimmt, die eigene zu rechtfertigen. Das kann man als wertvollen Beitrag zur Mentalitätsgeschichte unserer Republik lesen.

Raddatz’ Hauptpersonen heißen in der Reihenfolge des Personenregisters – Rudolf Augstein, Thomas Brasch, Marion Dönhoff, H. M. Enzensberger, Hubert Fichte, Günter Gaus, Günter Grass, Rolf Hochhuth, Walter Kempowski, Ledig-Rowohlt, Hans Mayer, Reich-Ranicki, Peter Rühmkorf, Paul Wunderlich – und natürlich Schirrmacher. Als Statisten wirken mit: Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl, als Referenzen Bertolt Brecht, Thomas Mann und der fatale Goethe, der Raddatz sein Amt als Feuilletonchef der „Zeit“ kostete.

Das war eine nie verwundene, narzisstische Kränkung wegen eines läppischen Flüchtigkeitsfehlers von der Art, die man auch seinem Tagebuch gern verzeiht. Nicht allerdings seinen Ausfall gegen Helmut Schmidt, der habe mit einem falschen Zitat aus der „FAZ“ einen „viel schlimmeren Patzer gemacht als ich mit meinem Goethewitz ... Wird er nun auch rausgeschmissen?“

Aber FJR macht munter weiter. Hatte er damals den Frankfurter Bahnhof in die Goethezeit versetzt, so schreibt er nun in den Tagebüchern einen Roman von Hans Werner Richter Heinrich Böll zu („Sie fielen aus Gottes Hand“) und Erich Mielke den Mord an einem SA-Mann (es war aber ein Hauptmann der Polizei). Hätte er einen so aufmerksamen Lektor gehabt, wie er wohl selbst einmal einer war, könnte niemand beckmessern.

Die Verwechslung von Marx und Lassalle in seinem Heine-Buch hält ihm der „Spiegel“ vor; was ihn zwei schlaflose Nächte kostet („wo ich doch weiß, dass man jedem außer mir so etwas durchgehen ließe“). Doch das Hamburger Nachrichtenmagazin ist ja ein „Revolverblatt“ und Augstein „ein größenwahnsinniger Zwerg“. Muss er sich also wirklich beklagen, er ecke „immer nur an“?

Die „Zeit“, die mit ihm vergangene Woche ein großes Gespräch geführt hat, gibt ihm dazu ein Stichwort. Ob da nicht „etwas ganz anderes im Raum“ steht – „nämlich schwul?“ Da sei er nicht sicher, außerdem bisexuell. Im Tagebuch behauptet er überdies, „überhaupt nicht frauenfeindlich“ zu sein. Aber dann liest man: „Am Nebentisch in Heilbronn saß eine sich ,fein‘ gebärdende Frau (in einer Gruppe zu viert), sie aß bösartig, eine Hinrichtung der Speisen. Ungefickt – rächte sich am Rindfleisch für das fehlende Mann-Fleisch.“

Sexepisoden gebe es nicht in seinem Buch, „das wäre ja ein journal intime à la André Gide“. Auf seine Sexepisode mit dem jungen Allen Ginsberg spielt er dafür gleich zweimal an. Häufige Wiederholungen? Seine Ausfälle gegen Freund und Feind, Kollegen und Konkurrenten sind nicht Ausrutscher, sondern Prinzip: Freund Grass „pubertär-phantasielos“, Jean Améry „in der Provinzliga“, Thomas Bernhard „nur ein Literaturclown“, Stefan Heym „nimmt sich so wichtig, dass er auf meine Komplimente reinfällt“.

Keine Komplimente gehen an „solche Typen wie Gaus“, Marion Dönhoff („eine dumme Herrenreiterin“), Walter Jens, „der sein Geschwätz Rhetorik nennt“. Karasek und Reich-Ranicki sind „scheußlich“, „mies“ und „ekelhaft“. Erst bei Peter Rühmkorfs „ganz exzellenten Tagebuch-Exzerpten“ fällt ihm auf, „dass wir uns immer alle noch nächtens oder spätestens am nächsten Morgen per Tagebuch aufspießen wie Schmetterlinge und unter dem Glassturz bösartig-lauernder Eitelkeit fixieren – hat ja auch was Komisches“.

Dies passiert prompt seinem Freund Hochhuth. „Literaten sind grotesk, egal bei welcher Leichenfeier und egal in welchem Schützengraben: Sie lesen vor. Hochhuth würde noch während des schwappenden Eiswassers im Salon der untergehenden Titanic lesen.“ Während FJR schon mal auf Sylt den eigenen Grabstein bestellt: „Zwischen Suhrkamp, Avenarius und Baedeker; mehr kann man wohl nicht verlangen ...“

Diese drei – wobei Suhrkamp nicht zu verwechseln ist mit dem „Kotzbrocken Unseld“ – kannte er ausnahmsweise nicht „persönlich“ wie Willy Brandt, von dessen Tod er deshalb „nicht unberührt blieb“, auch „weil man dann doch das Klopfen des knöchernen Fingers an die letzte Tür vernimmt“.

Wie gut, dass Raddatz in einer „kleinen Nicht-Rede“ an Günter Gaus eine „vergleichbar witzige Paraphrase auf das Wort ,eitel‘ (eben auch – vergebens)“ einfällt – und „den seltsamen Gebrauch als Eigennamen.“ Sein Beispiel: Eitel Friedrich, vulgo: Fritz. Als Fritz Arnold ihn sterbend um die Grabrede bitten lässt, mokiert sich FJR: „O vanitas über den Tod hinaus. ICH habe zwar auch Grass ,freigestellt‘, ob er bei meiner Beerdigung sprechen mag – aber wir sind schließlich in up und downs seit Jahrzehnten befreundet.“

Je höher indes die Eitelkeitswogen schlagen, um so mehr zeigt sich auch etwas von der tiefen Verletzlichkeit des FJR, die hin und wieder tatsächlich auch Verständnis für die Fragilität fremder Psychen zeugt. Der Autor dieser Tagebücher, so wenig ironiebegabt er ist, taugt auch zum tragischen Helden. Das hat manchmal fast etwas Rührendes.

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