Kultur : Fritz K.: Provinzfürst

Jürgen Schmidt

Beim Blick auf das große Ganze geht in Überblicksdarstellungen oft das Individuelle verloren. Hartmut Berghoff und Cornelia Rauh-Kühne führen in ihrer Biografie über den Unternehmer Fritz Kiehn vor, wie von der Mikroebene aus Verständnis für übergreifende Zusammenhänge gewonnen werden kann. Die Verfasser nehmen sich eine Menge vor und erfüllen ihr Programm voll und ganz. Die Lebensbeschreibung des Zigarettenpapierfabrikanten Fritz Kiehn in Trossingen ist in der Tat ein Beitrag zur Geschichte des Nationalsozialismus, zur "Vergangenheitspolitik" (Norbert Frei) der frühen Bundesrepublik und zur Alltagsgeschichte im kleinstädtischen Milieu zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik.

Der 1885 im Westfälischen geborene Fritz Kiehn begann 1908 als Handlungsreisender bei einer Trossinger Kartonagenfabrik zu arbeiten. Mit der Heirat einer reichen Gastwirtstochter wagte Kiehn den Sprung in die Selbstständigkeit und wurde ein ernsthafter Konkurrent für den Trossingen beherrschenden Harmonikafabrikanten Hohner. Doch Kiehn verhielt sich in dieser pietistisch geprägten Welt nicht regelkonform. Auf Basis seines mittelständischen Betriebs Efka, der vor 1933 kaum mehr als hundert Personen beschäftigte, pflegte er einen großbürgerlichen Lebensstil, der den Honoratioren der Stadt parvenühaft erschien.

Dennoch gelang es Kiehn, die Kleinstadt durcheinander zu wirbeln. Am Ende der Weimarer Republik kämpfte er gegen Hohner, gründete eine NSDAP-Ortsgruppe und profitierte von der politischen Radikalisierung und der Weltwirtschaftskrise. Im Windschatten der NSDAP-Erfolge stieg er schnell vom Ortsgruppenleiter zum Reichstagsabgeordneten auf, machte in der SS Karriere und sahnte skrupellos bei der "Arisierung" jüdischer Unternehmen ab.

Kiehns Aufstieg wird als Beispiel für die partielle Revolutionierung der württembergischen Gesellschaft unter der NS-Herrschaft dargestellt. Da Kiehn durch Skandale und falsche Freundschaften, wie der zu Georg Straßer, auch unter den Nationalsozialisten aneckte, blieb ihm trotz anfänglicher Erfolge der Aufstieg in die engsten Zirkel der Macht verwehrt. Berghoff und Rauh-Kühne charakterisieren Kiehn als "Provinzcharismatiker", machen aber deutlich, dass sich in den Konflikten um Kiehn das Chaos der "polykratischen Herrschaftszentren" des Nationalsozialismus zeigt.

Die Jahre zwischen 1945 und 1950 bedeuteten den Tiefpunkt im Leben Kiehns. Fast vier Jahre saß er in verschiedenen Internierungslagern. Doch schließlich setzte sich die "Logik der Ortssolidarität" durch, und das "lokale Entlastungskartell" verhalf Kiehn zu einer "schleichenden Rehabilitierung".

Dieses Buch überzeugt von der ersten bis zur letzten Seite. Dies gilt für das klug abwägende historische Psychogramm im Schlusskapitel ebenso wie für Verbindung unterschiedlicher methodischer Ansätze. Das Buch schont niemanden. Nicht nur Kiehn wird in seiner Skrupellosigkeit und Borniertheit dargestellt, auch das Fehlverhalten der Trossinger wird beim Wort genannt. Sie stempelten Kiehn unmittelbar nach 1945 zum "Kriegsverbrecher Nr. 1", machten ihn zum Sündenbock und stellten sich mit "dem nachträglichen Aufbegehren (...) gleichsam auf die Seite der Sieger". Eine "offene Diskussion im Stadtrat oder in der Öffentlichkeit" um den Namenspatron des "Fritz-Kiehn-Platzes" fand bis heute nicht statt. Viele Freunde unter den Trossingern hat sich das Autorenduo mit diesem Buch wohl nicht gemacht.

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