Kultur : Fröhliche Anarchie

Ein echter Zwölfton-Puccini: Schönbergs „Moses und Aron“ in München

Sybill Mahlke

Wo Teamgeist beginnt, jene künstlerische Freundschaft, die die Mutter des Erfolges ist, lässt sich an der Bayerischen Staatsoper im Kleinen, Feinen beobachten. Ein Blick aus dem leeren Zuschauerraum in den Orchestergraben zeigt, dass dort während der Pause geübt und gearbeitet wird. Eine zweite Violine erklingt, ein Posaunensolo, eine Oboe. Lauter Einzelstimmen. Draußen auf der Freitreppe des Nationaltheaters genießt das elegante Publikum den Auftakt der Münchner Opernfestspiele 2006, die Abendsonne und sich selbst. Drinnen füllt sich unterdessen der Orchesterraum mit fleißigen Musikern, lange vor dem ersten Klingelzeichen zum Zwischenspiel der Oper „Moses und Aron“.

Es ist ein starker Eindruck, dieses Engagement zu sehen, das der letzten Premiere Zubin Mehtas in seinem Amt als GMD gilt. Im Programmheft schreibt der Maestro, dass er Arnold Schönbergs Musik seit seiner Jugend in Indien kenne und ihn seit dem Studium in Wien verehre – mit dem Fazit: „Er ist Beethoven.“ Und zu „Moses“: Wie schwer das Stück sei, doppelt so viele Proben als sonst habe man benötigt.

In der Tat gelingt Mehta ein scharf umrissenes Partiturbild, das an glühender Farbe nicht spart. Denn Mehta ist zugleich souveräner Handwerker und Espressivomusiker, auch wo die Komplizierung in den kontrapunktischen Formen, Solostimmen und dem zwölfstimmigen Riesenchor ausgereizt wird. Die Artikulationskunst der von Andrés Máspero einstudierten Chöre wirkt bezwingend in der Deutlichkeit ihres rhythmischen Sprechens und Singens. Berauschend an dieser Musik ist immer wieder ihr Eigenton, den jedes Atom in der Vielzahl seiner Erscheinungen prägt.

Gemessen an den Aufführungsziffern des Werkes, hat sich Schönbergs zu Lebzeiten unerreichter Wunsch, ein Zwölfton-Puccini zu sein, nicht erst heute erfüllt. Der Hintergrund, dass „Moses und Aron“ mit der Rückkehr des Komponisten zum jüdischen Glauben zu tun hat und deswegen Torso geblieben ist, hebt es aus einem Repertoire heraus, dem es dennoch längst angehört. Schönberg ist Zeitgenosse seiner Zukunft geworden und somit auch – festspieltauglich. Basierend auf dem Alten Testament, behandelt das Libretto, das eher Bekenntnis als Literatur ist, den Geisteszwist der Brüder Moses und Aron. Moses, des Gedankens mächtig, aber des Wortes unfähig, braucht einen Verkünder neben sich, um sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft zu dem einzigen, unvorstellbaren Gott zu führen. Natürlich steckt Schönberg selbst mit seinem politischen Leidensweg und seinem künstlerischen Streben, das Unfassbare fassbar zu machen, eher in Moses als in Aron.

Regisseur David Pountney bringt unser Verhältnis zu dem „unvollendeten Fragment“ ins Schwanken. Er nimmt sich die Freiheit, Moses einen fundamentalistischen Charakter zu nennen und in der Anarchie eine befreiende Kraft zu entdecken, die auch fröhlich und schön sein kann – ihrer möglichen Kehrseite zum Trotz. Wenn sich Moses und Aron in der Wüste treffen, gleitet die Sympathie des Zuschauers vom Denker zum Vermittler hinüber, dem lyrischen Sänger. Das „Duett“ der beiden unterstreicht diesen Effekt, weil der Sprecher (mit rauem Pathos: John Tomlinson, der einst hinreißende Bayreuther Wotan) gegen die Melodie eifert. Die Kantabilität des Aron hat bei John Daszak Brüche, aber auch Töne totaler Überredungskunst.

Äußerlich zwillingsgleich, sind die Brüder in ihren Machtkämpfen miteinander verquickt. „Wunder“ wie die Schlangenbeschwörung und der „Aussatz“ verraten sich als Theatermagie: Moses fängt den Stab über seinem Haupt wie Parsifal den Speer, das Ekzem der Haut verschwindet mit dem Ausziehen roter Handschuhe. Die Bühne (Raimund Bauer) rotiert. Im „Tanz um das goldene Kalb“, dem orchestralen Höhepunkt mit Triangel, Mandolinen, Tamburin und Celesta, gehen die eingebildeten Wunder weiter. Aron hat einen alltagsnahen Götzendienst erlaubt. „Eine Kranke“ kann plötzlich ohne Rollator gehen. Nervenklinik, nackte Greise, Sonnenblumenkinder, Loveparade, Motorradkorso, Grausamkeit städtischer Gangs mischen sich in Bildsymbolen zu einer Orgie, hochtechnisiert und kindlich zugleich. Ihr „verwirrender Glanz“ hinterlässt Traurigkeit. Anstelle der Gesetzestafeln, mit denen Moses vom Berg Sinai herabsteigt, trägt er eine Art göttlicher Tätowierung auf dem Körper, die er blutig entfernt: „So zertrümmere ich diese Tafeln.“

Es ist eine bunte, eine opulente Aufführung, zugleich geeignet, über das Verhältnis der beiden Brüder neu nachzudenken. Wenn der schmerzliche Gesang der Geigen im Unisono einsetzt, erwürgt Moses seinen Bruder, ehe er zu seinem berühmten Schluss kommt, dem offenen Ende des Ganzen: „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben