Kultur : Frommes Wünschen

CHORMUSIK

Carsten Niemann

Noch gar nicht lange wiederentdeckt, hat es zur Weihnachtszeit bereits seine festen Freunde gefunden: Die Rede ist von Carl Heinrich Grauns Weihnachtsoratorium , entstanden kurz bevor der Komponist von Kronprinz Friedrich an den Rheinsberger Musenhof berufen wurde. Als sich am Sonntag der RIAS-Kammerchor zusammen mit der Akademie für Alte Musik des Oratoriums annahm, erwartete man im vollbesetzten Konzerthaus daher nichts Geringeres als eine Referenzaufführung. Ein hoher Anspruch, weil sich unter der schlichten Oberfläche von Grauns Melodien tausend Schwierigkeiten verbergen: Wie gestaltet man die vielen galanten Nebenbetonungen und seltsam gedehnten Wortendungen, dass sie so frisch, leicht und ungezwungen klingen, wie sie gemeint sind? Wie bringt man einem Publikum, das aus der Bach-Tradition harmonisch überfüttertet ist, Grauns Credo nahe – mit harmonischem Gewürz so vorsichtig umzugehen „wie mit der Jungfer Braut"?

Der Dirigent Morten Schuldt-Jensen hatte besonders in den feinsinnig deklamierten Chören viele überzeugende Antworten, obwohl es beim einleitenden Magnificat von Carl Philipp Emanuel Bach noch so schien, als könne er den Klangkörpern keine eigene Note hinzufügen. Ein klug gestaltetes Plädoyer für die Weihnachtsbotschaft boten auch die Solisten: Von der dynamisch fein nuancierenden Sopranistin Brigitte Geller über die wunderbar warm und eindringlich deklamierende Mezzosopranistin Christiane Iven bis hin zu dem unaufdringlich virtuosen Tenor Jan Kobow sowie zum einfühlsamen Bass Stephen MacLeod. Gemeinsam ließ man selbst in die dunklen theologischen Spitzfindigkeiten des Texts das Licht der Aufklärung leuchten.

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