Kultur : Froschwärts

Die Forsythe Company gastiert in Berlin

Sandra Luzina

William Forsythe gilt immer noch als Mastermind des zeitgenössischen Tanzes. Von ihm erwartet man jedesmal eine künstlerische Offenbarung. Statt eines neuen Stücks – wie angekündigt – wurde bei der „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele nun aber nur das 2003 in Frankfurt uraufgeführte „Decreation“ gezeigt. Die Uraufführung war der Anfang vom Ende: Die Auflösung des berühmten Frankfurter Balletts stand fest.

Wenn „Decreation“ einst einen zerstörerischen Furor besaß, so ist er nun entwichen. Was haben die Exegeten damals nicht alles in das Werk hineingeheimnist, das ohne Zweifel ein Wendepunkt in Forsythes Schaffen ist – weg von der choreografischen „Dekonstruktion“, hin zur Improvisation. In „Decreation“ zeigt Forsythe eine Folge von Entstellungen und Fragmentierungen. Grotesk verdrehte Leiber, verzerrte Münder. Zersprengte Sätze, kehlig-raue Laute – sie steigern sich zu einer schrillen Kakofonie. Manchmal hat man aber auch das Gefühl, man sei in der Muppet Show gelandet. Dana Caspersen zerrt an ihrem Oberteil, als wolle sie sich die Haut vom Leibe reißen und wirft sich in einen hysterischen Monolog. Das Stück basiert auf einem Essay der kanadischen Lyrikerin Anne Carson, der um die Dichterin Sappho, die Mystikerin Marguerite Porette und die jüdische Philosophin Simone Weil kreist. Weil prägte auch den Begriff „decreation“: den Versuch, die Kreatur in sich zu überwinden, um zu einer mystischen Vereinigung mit Gott zu gelangen.

Was von den Motiven Eifersucht, bedingungslose Liebe und weibliche Spiritualität übrig geblieben ist, klingt meist wie banaler Beziehungs-Talk – jedenfalls in der deutschen Übersetzung. Ein Tänzer in Grün mit einer Stimme wie Kermit der Frosch brüllt den Text ins Mikro. Wenn zwei Tänzer ihr emotionales Wrestling beginnen und lustlos aneinander zerren, dann sagt ein Dritter bald genervt Stopp. Die Performer werden sich partout nicht einig, ob sie nun ein Drama oder eine Operette aufführen oder ob das Ganze nicht doch ein Spiel ist.

Bis wieder ein neunmalkluger Performer dem Publikum erklärt, dass diese Szene aber doch sehr irritierend sei. Doch alle intellektuellen Attitüden verdampfen ins Unernste. Forsythe will nicht den Körper des Begehrens zeigen – und verstellt auch den Weg in die Empathie. Die körperlichen Entstellungen wirken merkwürdig schmerzfrei, auch das Opferritual am Ende hat hier kaum Gewicht. „Decreation“ ist von einer eigentümlichen Selbstgenügsamkeit Ihr Ausmaß ist das einzig Verstörende an diesem Abend. Sandra Luzina

Noch einmal heute, 20 Uhr

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