Kultur : Früchte des Zorns

Das neue Album von Coldplay reflektiert den 11. September

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Von Sassan Niasseri

Nicht wenige Musiker haben sich mit dem 11. September beschäftigt, Neil Young in seinem Song „Are you Passionate?“ und Bruce Springsteen in seinem Album „The Rising“. Nun hat auch Coldplay, eine der erfolgreichsten britischen Popbands der letzten Jahre, ein Album aufgenommen, das unter dem Eindruck der Terroranschläge entstanden ist: „A Rush of Blood to the Head“ (EMI/Parlaphone). Im Gegensatz zu Springsteen, der mit kraftvollen Songs einen Neuanfang beschwört, stimmt das Londoner Quartett um Sänger Chris Martin einen nachdenklicheren Ton an. Nach kaum zwei Jahren im Geschäft ist der Positivismus, der ihr Debüt „Parachutes“ verströmte, aus ihrer Musik gewichen.

Dabei war das Album bereits vor den Terroranschlägen fertig konzipiert. Nach dem 11. September ging Martin jedoch erneut ins Aufnahmestudio, überarbeitete die Songs und fügte Untergangsepen mit Titeln wie „Politik“ hinzu. Die britische Presse erging sich gleich nach der Veröffentlichung in Lobeshymnen. Martin, darin sind sich die Fachzeitschriften „Mojo“ und „NME“ einig, beweise mit seinen neuen, dunklen Songs eine Weitsicht, ja ein globales Gerechtigkeitsempfinden, das dem seines großen Vorbilds – Bono von U2 – in nichts nachstehe.

Was ein verwegener Vergleich ist. Denn statt von der Zuversicht eines Bono weiß Chris Martin von Selbstzweifeln und Angst zu erzählen. Weil Predigten ihm fremd sind, ist . „A Rush of Blood to the Head“ vielleicht ein umso bewegenderes Album geworden. Wenig erinnert an die frühere Unbeschwertheit, wenn man von Songs wie „In my Place“ einmal absieht: ein süßliches, aber katastrophal eingängiges Liebeslied. Der früheren „Beautiful World“-Seligkeit setzen Coldplay gleich im Eröffnungsstück „Politik“ ein Anti-Globalisierungs-Plädoyer entgegen. Und so naiv und pathetisch der Text als Anklage des Weltmarkts auch gedacht ist, so einschneidend wirkt er doch. Ein hartes Klavier-Gitarren-Stakkato gibt die Richtung vor, es klingt nach geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen, und Martin singt: „Look at earth from outer space/everyone has found a place/give me real, don`t give me fake/give me strength and self-control/“ – dann hebt der Refrain an, ein befreiendes „Open up your eyes!“. Auch die folgenden Stücke kommen mit der Wucht von Faustschlägen daher. Kontrollverluste, gekappte Bindungen überall: „Where do we go? Nobody knows“, heißt es in „God Put A Smile On Your Face“, ein skelettierter Blues mit Akustikgitarre und Schlagzeug, in dessen monotonem Rhythmus das Ende längst angelegt ist, das der unschlüssige Ich-Erzähler nicht wahrhaben will.

Diese Entwicklung zu düsteren Klängen mag durch die weltpolitische Lage motiviert sein, für die Band selbst ist sie ungewöhnlich. Coldplay galten – neben Travis – als eine jener „Boring British Bands“, wie die Presse gern höhnte. Anstelle eines ausschweifenden Lebensstils verkörpern sie den Rückzug ins Private, statt exzentrischer Ich-Entblößung bevorzugen sie skeptische Selbstfindungen. Alan McGee, ehemaliger Chef der Plattenfirma Creation und Oasis-Entdecker, nannte Coldplay gar „Musik für Bettnässer“. Doch so entwaffnend langweilig sie sich auch gaben – für die Songs ihres Erstlingswerks schwärmen Kritiker noch heute. „Parachutes“ begeisterte vor allem durch die melodiöse Einfachheit und einen kindlichen Charme. Neben dekadent-avantgardistischen Gruppen wie Pulp und Blur erschienen Coldplay als fröhliche Optimisten. Stücke wie „Don’t Panic“, in denen der 25-jährige Martin immer wieder die Glückseligkeit seines Daseins beschwor („We live in a beautiful world/yeah we do, yeah we do/ we live in a beautiful world“), waren simpel und doch frei von Rock-Klischees. Dabei stellte sich auch die Frage, wie lange Chris Martin, der aus jedem Foto herausgrinste, diese Glücksmomente für sich würde erhalten können.

„I‘m gonna buy a gun and start a war, if you can find something worth fighting for“, singt Martin nun im Titelsong des Albums, mit dem er seine Orientierungslosigkeit ins Amokhafte steigert. Als müsste der Sänger durch die Musik wieder besänftigt werden, zerrt sie ihn von der Gewaltfantasie fort, um in einen Refrain zu münden, der zärtlicher nicht sein könnte. Schließlich schwingt der Song in einer pendelnden Gitarrenmelodie aus, erlischt, wie ein Zorn eben verlöschen kann, wenn man selbst nicht glaubt, dass er gerecht ist. Der Angst begegnet die Musik nur noch mit Stille.

Auch das macht den Unterschied zu Bono aus: Der hätte der Sprachlosigkeit nicht das letzte Wort überlassen. „Wir fühlen uns leer, uns werden für lange Zeit neue Ideen fehlen“, bekennt Martin – der nette Martin, der kein Aufsehen erregen, der seine Zeit am liebsten nur im Studio verbringen und die Musik für sich sprechen lassen will. Mit „A Rush of Blood to the Head“ hat er sich von der Unverbindlichkeit des Pop gelöst, die bislang sein Leben verklärte.

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