Kultur : Früher Morgen, später Schlaf

KLASSIK

Ulrich Amling

Esa-Pekka Salonen wirkt nicht wie einer, der unter Anfällen von Schlaflosigkeit leidet. Von wegen die ganze Nacht qualvoll durchwachen: Der finnische Dirigent stürmt mit wohl inszeniertem Körperrhythmus ans Pult der Berliner Philharmoniker , als wäre er auf dem Weg zu einem Tanzvergnügen. Und doch kreist seine Komposition „Insomnia“ um die „hartnäckigen, zwanghaften Gedanken, die manchmal das Denken bestimmen, wenn wir zu früher Morgenstunde hoffnungslos wach liegen“. Vielleicht nach dem übermäßigen Genuss von Hitchcock-Filmen. Denn Salonens energiegeladenes Nocturne erinnert an die Musik von „Vertigo“-Komponist Bernard Herrmann: dunkle Tristan-Harmonik in kühles Wasserstoffperoxid getaucht, brillant in Szene gesetzt, mit Nerven aufreibendem Timing. Ein sinistres Prachtstück mit Wagner-Tuben und Celesta-Klängen, dessen Suchtpotential die Philharmoniker packte. Salonens gestochen scharfer Sicht auf Igor Strawinskys „Petruschka“ folgten die Musiker mit eleganter Attacke, während die Aufführung von Dmitri Schostakowitschs zweiter Symphonie, die 1927 den zehnten Jahrestag der Oktober-Revolution feiern sollte, skurril und bestürzend geriet. Wie schmerzlich sind hier die Wirren, die durchlitten werden müssen, bis der Chor roh skandiert: „Oktober, Kommune und Lenin!“ Wie wenig finden individueller Ausdruck und massenkonforme Verherrlichung zusammen. Und wie bald schon wird die Partei damit beginnen, intellektuelle Einzelgänger zu vernichten. Daran erinnert Salonens klarsichtige Interpretation. Und kann einem schlaflose Nächte bereiten (noch einmal heute, 20 Uhr).

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