Kultur : "Frühlings Erwachen": Die wilden Wedekinder

Nadja Geer

Die Streichungen der Senatszuschüsse treffen die freie Szene Berlins hart. Einige Bühnen, wie das Friedrichshainer Stükke Theater und das Theater Zerbrochene Fenster in Kreuzberg, stehen vor dem Aus. In dieser kritischen Situation gibt das Theater Reißverschluss aus Mitte ein Gastspiel in Kreuzberg - und legt mit Wedekinds "Frühlings Erwachen" einen Theaterabend auf die Bretter, von dem sich so manches millionenschwer subventionierte Staatstheater mehr als nur jugendliche Emphase und Improvisationskunst abgucken könnte.

Regisseur Joachim Stargard und seine junge Truppe (Durchschnittsalter 21) haben den Text von den Füßen auf den Kopf gestellt: Die Friedhofsszene, ursprünglich am Ende des Stücks, wird zum Anfang desselben, und die etwas verstaubt wirkenden Aufklärungsszenen aus dem wilhelminischen Deutschland und einige allzu zeitgebundenen Figuren sind verschwunden. Noch bevor das Spiel richtig beginnt, wirbeln Menschen in hellen Trenchcoats über die fast leere, dunkle Bühne. Bahnhofsgeräusche sind zu hören, altmodische Überseekoffer werden in den Spielraum geschleppt: wechselnd ordnen sie sich zum Bühnenbild, sind Grabstein, Abort und Liebeslaube. Mit zwei Taschenlampen verhilft der Regisseur (in eigener Person auf dem Fußboden vor den Zuschauerbänken sitzend) in der ersten Szene dem Raum zu einer gespenstischen Atmosphäre. Melchior Gabor (Alexander Altomirianos), gejagt von den Aufsehern der Besserungsanstalt, kommt herausgehechtet, um auf einem Friedhof Schutz zu suchen. Auf eben diesem Leichenacker liegt sein Busenfreund Moritz Stiefel (Patrick Heppt) begraben, der stante pede sein Grab verlässt, um dem Freund zu berichten, dass im Totenreich alles "vergnügungshalber" geschieht.

Wie im Theater: Alles geschieht vergnügungshalber. Auch wenn "Frühlings Erwachen" nicht nach leichter Unterhaltung klingt - geht es doch um den Selbstmord eines Schülers, den Tod eines Mädchens bei einer kurpfuscherischen Abtreibung und die Abschiebung des jugendlichen Helden in die Besserungsanstalt - : Wedekinds Text ist komisch. Stargard hat die Ironie und die bissige Kritik an der Prüderie der Jahrhundertwende klug vergegenwärtigt.

Die Aufführung, die sich durch mitunter ingeniöse Schlichtheit der theatralischen Mittel (Taschenlampe!) auszeichnet, ist kein bisschen altbacken, im Gegenteil. Bisweilen deutet sich eine Kinoszene auf der Bühne an, nicht weil der Regisseur wie andere aus der Popgeneration Tarantino zu seinem Helden erklärt hat, sondern ganz organisch aus der Sozialisation der Schauspieler und der Spielsituation heraus. Natürlich, könnte man sagen, sehen die Jungs in der Wedekindschen "Korrekturanstalt" ein wenig aus wie die Knaben in Benjamin Leberts "Crazy" und benehmen sich auch so. Sie toben mit hochgekrempelten Baggytrousers über die Bühne, raufen miteinander und onanieren auf dem Herrenklo. Nicht über Nacktfotos aus "Max", sondern über einer Postkarte, auf der Salome, die Männermordende, abgebildet ist. Adrian Topol als schmächtiges Hänschen Rilow findet den richtigen Tonfall zwischen Verehrung und Ekstase, während er, die Geschichte seiner einsamen sexuellen Erfahrungen erzählend, sich Salomes Konterfei in die Hose schiebt.

Die jungen Damen stehen den Herren in drangvoller Spiellust nicht nach. Wendla und Martha (Juliane Pempelfort und Jasmin Saler), die eine in Melchior, die andere in Moritz verschossen, schwärmen sich gegenseitig von ihren "Männern" vor, wie es weibliche Boygroupfans heutzutage nicht besser könnten. Noch geht es nicht um durchschwitze T-Shirts, sondern um den "schönen Kopf" des Angebeteten und um - wie profan - Pralinen, die warm und weich in der Hosentasche des Schwarms liegen.

Man muss nicht lange forschen, ein Gang ins Theater Zerbrochene Fenster reicht, um zu erkennen: Freudlos war Jugend auch zu Wilhelms Zeiten nicht.

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