Kultur : Frühlings Gänsehaut

KLASSIK II

Ulrich Amling

Daniel Harding ist ein Dirigent des Frühlings. Forschen Schritts eilt er den Klassikern entgegen, begeistert von ihrem Schwung und herzlich wenig beeindruckt vom marmorkühlen Schatten, den Giganten wie Brahms und Beethoven bisweilen werfen können. Harding musiziert mit heißen Händen – und weiß sich da ganz in Einklang mit dem Mahler Chamber Orchestra , dem der 28-Jährige nach international bestaunten Projekten, etwa beim Festival in Aix-en-Provence, jetzt als Musikdirektor vorsteht.

Mit Wagners „Siegfried-Idyll“ drang sanfte Frühlingsluft ins Konzerthaus, zart erblühten die Streicher und leuchteten auf in faszinierend tiefer Farbigkeit. Fern liegt da alles Gründeln, bei Harding darf ein deutscher Wald einfach grünes Gehölz sein und nicht immer mythischer Abgrund. Befreiend die impressionistische Leichtigkeit, derem Charme die Hörner leider zu widerstehen wussten. Eine Insel der Einsamkeit im Sprießen und Drängen des Frühlings wurde dann mit Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ erreicht. Der subtil artikulierende Bariton Peter Matteis verursachte selbst im warmen Licht von Hardings hier leicht schleppendem Dirigat sofort eine Gänsehaut. Das unauflösbare Verschlungensein von „Lieb und Leid! Und Welt und Traum!“ – Mattei lässt es herrlich schmerzlich spüren.

Bei Beethovens Vierter stieß Hardings umarmendes Musizieren freilich an eine Grenze. So mitreißend die Tempi auch angelegt sind, lässt sich ein Bruch im Orchesterklang doch nicht überhören. Es scheint, als würde die ungeteilte Zuwendung des Dirigenten hinter den Streichern hörbar nachlassen. So fehlte es Beethoven ein bisschen an Witz und Würze – wie einem knackigen Rohkostteller, serviert ohne Dressing.

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