Kultur : Frühlings- Weisen

SINFONIE

Friedemann Kluge

Ein Programm mit eingebautem Widerspruch: Winterlich rotgefroren betrat man am Sonntag den Saal der Philharmonie , um sich an frühsommerlichen Klängen zu erwärmen. Nachtigallgesang und Kuckucksruf, wie in Beethovens „Pastorale“ zu hören, sind dem Winter nun einmal fremd. Sir Neville Marriner verleugnete seine musikalische Herkunft nicht: authentisch-kammermusikalisch seine Deutung von Beethovens Sechster. Den Beethoven’schen Spannungsaufbau bis hin zum Gewitterbild, von vielen Orchestern zugekleistert und unhörbar gemacht, greift Marriner auf, um ihn mit dem DSO Berlin in kongenialer Weise umzusetzen.

Auch den Konzertbeginn, Mozarts „Haffner“-Sinfonie, verbindet man eher mit einer Serenade in lauer Sommernacht als mit knackigem Frost. Marriners bekannt eckiger, präziser Dirigierstil (er scheint als Taktstock einen Marschallstab zu benutzen) in Verbindung mit der beim DSO schon sprichwörtlichen Klangtransparenz machte Mozart’sche Klänge durchhörbar: Könnte man Musik nicht nur hören, sondern auch sehen, so wäre sie an diesem Abend wie unter einer Glasglocke zu bewundern gewesen.

Aber manchmal kann man Musik eben doch sehen, und das ist bedauerlich, denn Steven Isserlis’ technisch perfektes Cellospiel litt unter der affektierten Darbietung und verlor durch das unschöne Grimassieren des Solisten. Auch ist sein Strich für dieses selten zu hörende, höchst kantable Schumann’sche Cellokonzert – unter Schumanns Konzerten das mit dem schwierigsten Solopart – bei aller Filigratesse und Raffinesse ein wenig zu rau. Dem Publikum aber gefiel’s, und Isserlis bedankte sich für den Applaus mit einer hals- und fingerbrecherisch gezupften Zugabe.

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